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Doktor Lenas Blog

Zweiklassengesellschaft oder Gesundheit ist Verhandlungssache

Sedierte Gesellschaft Posted on Mon, September 11, 2017 16:47:02

Zu meinem Buch “Die sedierte Gesellschaft” bekomme ich immer wieder Briefe von Lesern – mit berührenden persönlichen Geschichten und traurigen Erfahrungen, die Leser mit Psychopharmaka machen. Eltern schreiben mir, wie ihren Kindern Psychopharmaka als “verhaltenskorrigierende” Maßnahme in der Schule empfohlen wurden. Mit der Erlaubnis des Autors veröffentliche ich einen kleinen Auszug aus seinem Brief:

Mich persönlich macht diese Entwicklung traurig. Traurig für die Betroffenen, die eine verzerrte Vorstellung bekommen – über den Zweck der Schulausbildung, über die Idee der erfolgreichen Anpassung in der Gesellschaft, über Medizin…

Hauptprinzip der Medizin war ursprünglich: Primum non nocere – vor allem nicht schaden. Doch die Entwicklungen zeigt, dass man sich als Patient in vielen Fällen nicht mehr darauf verlassen kann; wir müssen selbst darauf achten, dass Nebenwirkungen einer verschriebenen Medikation nicht die gewünschten Wirkungen übertreffen. Gerade bei den Psychopharmaka ist diese Bilanz häufig, ja fast immer negativ.

Auch in der Schule scheinen die Gesundheit und die glückliche Zukunft der Kinder nicht immer Priorität zu haben. Nur so lässt sich erklären, dass Psychopharmaka als eine „angemessene verhaltenskorrigierende“ Maßnahme Verbreitung in den Schulen bekommen haben. Bei der Empfehlung, Medikamente zu nehmen, werden in der Regel individuellen Faktoren, die zu einem „auffälligen“ Verhalten beitragen, nicht berücksichtigt und mit den Eltern oftmals nicht besprochen: der aktuelle Gesundheitszustand des Kindes, die Familiensituation, möglicher Stressauslöser innerhalb und außerhalb der Familie und andere situationsbedingte Aspekte. Es wird nicht nach einer Ursache gesucht, es wird nur eine „Standardlösung“ gegeben, die die Problematik möglicherweise abdeckt und dabei noch mehr vertieft.

Nach meinen in der Praxis gemachten Erfahrungen bin ich der Überzeugung, dass Schüler und Eltern nicht mehr Psychopharmaka, sondern mehr Aufklärung benötigen. Wie brauchen mehr Aufklärung über die menschliche Vielfalt (Variabilität), die nicht abgewertet, sondern verstanden und berücksichtigt sein soll, weil sie zu der individuellen und der gesellschaftlichen Entwicklung mehr beitragen kann, als eine falsch verstandene Anpassungsfähigkeit, die der Vielfalt widerspricht…

Individueller Erfolg beruht nicht auf einer Anpassung an gesetzte Rahmenbedingungen, er beruht vielmehr auf der Fähigkeit des Einzelnen, die für sich gewünschten Bedingungen mit der Gesellschaft aushandeln zu können und so die bestmöglichen Voraussetzungen für die eigenen Begabungen zu schaffen.

Die abwertende Botschaft, die mit einer Psychopharmaka-Verschreibung gegeben wird, fördert Schülerinnen und Schüler nicht, sie macht sie auch nicht anpassungsfähiger. “Du bist nicht in Ordnung“, “Du schaffst das nicht ohne” – das bekommt der heranwachsende Mensch von den „erfahreneren“ Erwachsenen mit auf den Weg gegeben. Anstatt „Du darfst herausfinden, was deine Begabung und Berufung ist und was dich im Leben glücklich macht. Es liegt in deiner Macht, deine Zukunft ohne Konflikt mit der Gesellschaft zu gestalten.“

Mehr Bewusstsein und mehr Eigenverantwortung, die untrennbar mit individueller Freiheit verbunden sind, sollten gefördert werden. Die wahre und bewusste individuelle Freiheit ist schöpferisch und hat keine Neigungen, die Freiheit der Anderen zu tangieren. Ein störendes Verhalten ist häufig vor allem eine Reaktion auf eine vorhandene umfeldbezogene Störung, auf einen von Eltern womöglich nicht erkannten Konflikt in der Schule.

Ich wünsche uns ein Schulsystem, das die Wertschätzung in den Vordergrund stellt – die Wertschätzung der Lehrer genauso wie Wertschätzung der Schüler. Davon können der Einzelne und die moderne Gesellschaft viel mehr profitieren, als von der Abwertung einzigartiger Persönlichkeiten und der Beschneidung individueller Fähigkeiten.

Lena Kornyeyeva



Vermarktung des Unglücks

Sedierte Gesellschaft Posted on Fri, August 11, 2017 15:12:29

“Das Steinschneiden” von Hieronymus Bosch (1460-1516)

Bislang habe ich in meiner psychologischen Praxis keinen einzigen Mensch getroffen, der mit Psychopharmaka sein Leben verbessert hat (ich beziehe mich hier nur auf Patienten, die keine psychotischen Erfahrungen haben). Im Gegenteil: Patienten klagen über die Nebenwirkungen der Tabletten – wie eine Eintrübung des Bewusstseins und eine allgemeine sexuelle Lustlosigkeit. Sie klagen – nicht zuletzt als Folge einer medikamentösen Therapie – über Schwierigkeiten in ihrer Partnerschaft.

Erschöpfte und frustrierte Patienten bekommen Psychopharmaka von einigen Ärzten und einigen Psychotherapeuten mit der Erwartung verschrieben, dass diese aus ihrer Verzweiflung und ihrem Unglück herausfinden. Aber die Menschen, mit denen ich nach deren jahrelangem Tablettenkonsum spreche, haben das Ziel nicht erreicht – sie sind noch genauso unglücklich wie an dem Tag der erstmaligen Verschreibung. Dieses Phänomen erstaunt mich nicht – denn außer der regelmäßigen Einnahme der Tabletten haben diese Menschen in ihrem Leben meist nichts geändert: Dieselben frustrierenden Beziehungen, dieselben Probleme am Arbeitsplatz, dieselben häuslichen Schwierigkeiten mit dem Partner oder den Kindern sind geblieben, sind ungelöst.

Umso überraschter war ich, als ich einer psychologischen Fachzeitschrift las, dass „die negative Haltung mancher Therapeuten zur Pharmakotherapie zu Nebenwirkungen oder gar Schäden führen“ könne. (Thomas Müller: „Psychotherapeuten stellen sich den Nebenwirkungen“, Ärzte Zeitung, 22.1.2014, S. 16).

Das Verweigern der Psychopharmaka führe zu Nebenwirkungen? Gehören die gefühlsbetäubenden Medikamente zwingend zur Psychotherapie wie die Antibiotika zur Behandlung bakterieller Infektionen? Sind sie wirklich eine gute Wahl bei der Behandlung seelischer Ungleichgewichte?

Tatsächlich sind die Wege, die zu einer Linderung psychischer Schwierigkeiten führen, längst bekannt und können immer ohne Medikamente gegangen werden. Zusammen mit einem Psychologen lernen die Patienten sich selbst kennen und verstehen. Zusammen mit einem guten Psychologen können sie Konflikte lösen und bewältigen. Diese Prozesse können durch keine Tabletten ersetzt werden – im Gegenteil. Psychopharmaka gegen seelisches Unbehagen von normalen Menschen zu nehmen ist genauso unangemessen, wie ein Karamellbonbon gegen Zahnschmerzen zu lutschen. Nur die Nebenwirkungen sind doch viel schlimmer…

In Deutschland ist die Eigenverantwortung der Patienten, zu der auch die Wahl des Arztes gehört, systembedingt unterentwickelt. Krankenkassen bezahlen für die Therapie … Und den Kassen wird von den Patienten auch unbewusst die Verantwortung zugeschoben. Patienten haben gelernt, dass eine „Umsonst“-Behandlung auch eigentlich ganz „umsonst“ ist – dass sie den gewünschten Effekt nicht erreicht. Wegen diesen geringen Erwartungen betrachten die Patienten die Psychologen und Psychotherapeuten weniger kritisch als sie es sollten. Deswegen suchen sie nicht nach dem richtigen und passenden Therapeuten – es ist ja „nicht ihr“ Geld. Oder: Einem geschenkten Gaul (eine geschenkten Therapie …) schaut man nichts ins Maul (… hinterfragt man nicht).

Gleichzeitig wird auch die Motivation der Psychotherapeuten in diesem System geringer. Nicht der zufriedene Patient bezahlt die Stunden, sondern die Kasse. Der Psychologe muss vor allem dafür Sorge tragen, dass die Zahl der Termine auf dem Papier stimmen und dass Berichte und Gutachten fristgerecht eingereicht werden. Die Befriedigung der Kasse wird zumindest unbewusst wichtiger als die Gesundung und die Zufriedenheit des Patienten.

In diesem System kommt ein vertrauensvolles und verantwortungsvolles Miteinander von Psychotherapeuten und Patienten unter die Räder. Aus einer der Heilung förderlichen Vertrauensbeziehung wird ein Absitzen der von der Kasse bezahlten Stunden – mit häufigen therapeutischen Misserfolgen, mit häufigem Einsatz von Psychopharmaka als ultima ratio. Darüber erzählen mir die Betroffenen immer wieder…

Eine verhängnisvolle Entwicklung: Denn in der modernen Welt können wir uns ein Funktionieren der Gesellschaft ohne die Dienstleistungen der Psychologen und Psychotherapeuten nicht mehr vorstellen. In der modernen Welt haben sich die Menschen derart isoliert, dass traditionelle Mechanismen seelischer Gesundung wie Gespräche mit Freunden oder in der Familie verkümmert sind, dass externe Hilfestellungen existentiell notwendig werden.

Doch die unbewusste und unreflektierte Übertragung der Verantwortung für die Seele auf den Spezialisten bringt ein Risiko mit sich – die Gefahr, dass das Seelenleben, die privaten Probleme und das private Unglück zu einer Handelsware werden, dass es zu einer „Vermarktung des Unglücks“ kommt. Psychopharmaka sind die Mittel, die gegen das Leiden eingetauscht werden, mit Psychopharmaka ließen sich psychische Probleme kommerzialisieren. Und wie immer bei diesen Geschäften: Die Hersteller der Mittel können kein Interesse daran haben, dass der Absatz nachlässt, sie können nicht hoffen daran, dass Patienten gesund und glücklich werden.

Psychopharmaka sind die gefährliche Begleiterscheinung der modernen Leistungsgesellschaft: sie monetisieren das Unglück und verhindern eine harmonische Gesundung. Psychotherapie darf sich nicht am Kommerz orientieren – sondern muss sich emphatisch um die menschliche Seele kümmern.

Lena Kornyeyeva



Aufruf: Themenabend zur Medikamentenabhängigkeit

Sedierte Gesellschaft Posted on Fri, March 03, 2017 16:02:36

Immer wieder bekomme ich Leserbriefe zu meinem Buch “Sedierte Gesellschaft” – oft von Menschen, die mit einem Absetzsyndrom zu kämpfen haben. Sie schreiben mir dankbar aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Das Thema ist aktuell und wird offensichtlich aktuell bleiben.

Meine Kollegin aus Hamburg hat mich zu einer Veranstaltung eingeladen, die ich leider nicht besuchen kann. Hier die Information zu der Veranstaltung (für Fachleute) mit dem entsprechenden Kontakt:

Liebe MEZIS Mitglieder in Hamburg,

uns hat eine Anfrage vom Hamburger Institut für Systematisch-Integrative Therapie und Beratung (ISIS) erreicht ( www.das-institut.com ).

Das Institut plant einen Themenabend zur Medikamentenabhängigkeit und möchte dazu gerne ein MEZIS-Mitglied einladen, das aus medizinsicher Sicht dazu beiträgt.

Das Format wird so aussehen, dass die Teilnehmer an einem Werktags-Abend gemeinsam einen Film zum Thema “Sucht auf Rezept” ansehen – entweder ausschnittsweise oder komplett (45 min). Danach werden die eingeladenen Gäste jeweils aus Ihrer Perspektive kurz etwas dazu sagen: der Filmemacher Alexander Czogalla, Jessica Stockburger vom ISIS als Psychotherapeutin, evtl. ein Vertreter einer Krankenkasse und eben sehr gern ein/e Mediziner/in von MEZIS.

Einen festen Termin gibt es noch nicht. Die Veranstaltung wird aber auf jeden Fall an einem Mittwoch Abend im April oder Mai stattfinden.

Sollte jemand von Ihnen Interesse haben oder mehr Details wissen möchten, können Sie sehr gerne direkt mit Jessica Stockburger in Kontakt treten (Kontaktdaten – siehe unten). Für den Themenabend brauchen Sie keine spezielle Expertise oder besonderen Input sondern lediglich eine kurze Beschreibung wie Ihr Fachgebiet auf das Thema Medikamentenabhängigkeit schaut. Das ISIS möchte an diesem Abend Raum geben für Aufklärung sowie Informationsaustausch unter Fachmenschen und Interessierten. Falls gewünscht, soll es eine weitere Vernetzung der Beteiligten geben.

Herzlichen Dank und viele Grüße

[ …]

Hintergrund:

Vor kurzem kam eine NDR-Reportage mit dem Titel “Sucht auf Rezept” – gleichnamige Beiträge gab es schon vor vielen Jahren und offensichtlich hat sich an manchen Stellen bei der Verschreibung z.B. von Beruhigungsmitteln bei Angstsymptomatiken (aus psychotherapeutischer Sicht äußert problematisch) wenig verändert.

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Sucht-auf-Rezept,minuten2286.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531479.html

Kontakt:

Jessica Stockburger

Standortleitung ISIT Hamburg



Die Pokémon-Ära oder der indiskrete Charme der Infantilisierung

Sedierte Gesellschaft Posted on Mon, July 25, 2016 20:27:34

„Den
wir gestern im Bett gefunden haben, den Pokémon, kann ich den noch
mal sehen?“

„Schiggy?
Nein, ist gefangen, in der Kugel.“
„Dann warten wir eben auf
den nächsten …“

Der
Dialog hätte noch vor wenigen Wochen absurd geklungen. Doch nach ein
paar Tagen Pokémon-Erfahrung gehören solche und ähnliche Gespräche
zu einer Realität, die immer virtueller wird. Wir leben tatsächlich
längst in der Matrix und sie übertrifft alle Erwartungen.
Baudrillard und seine Simulakren waren längst nicht so spannend wie
die Pokémons. Menschen – die Erwachsene, die mit ihren Smartphones
begeistert nach Pokémons suchen, füllen meine Stadt (gerade eben
zog ein Trupp an meinem Haus vorbei …). In Schulen werden digitale
Spielzeuge wie die i-pads zum üblichen Unterrichtsmittel.
Wissensvermittlung wird immer visueller und die visuellen Mittel
selbst sind nicht mehr statisch – sie zeigen sich heute beweglich,
lebendig und interaktiv, sie reizen und amüsieren, sie ziehen an.

Die
Schriftkultur, die vielen Generationen als Mittel und Ansporn der
intellektuellen Entwicklung und Fortschritt diente, scheint in der
Zukunft keinen Platz mehr zu finden. Das, was man früher durch Lesen
und Schreiben lernen konnte und gelernt hat und was zu der
menschlichen Identität noch immer gehört – denken, verstehen,
abstrakte Ideen entwickeln, sich etwas vorstellen, Bedeutungen
schaffen und hinterfragen – wird immer schneller out of date und
wird bald geradezu überflüssig sein.

Wenn
heute jemand ohne Ende und ohne Mühe vorgefertigte Identitäten und
Ideen konsumieren kann, was kann ihn dann noch bewegen, seine eigene
Identität und seine eigenen Ideen zu entwickeln? Je scheinbar
lebendiger die virtuellen Kreaturen um uns herum aufpoppen, desto
schneller stirbt währenddessen die Schriftkultur.

Die
Digitalisierung und Virtualisierung führt unterdessen immer weiter:
Demnächst werden wir mit unsere Stimme unzählige Gadgets steuern,
ja auch Texte erstellen. Die Dame im meinem Smartphone spricht mich
bereits seit Langem auffordernd an. So ist der Fortschritt, denken
die meisten. Wir müssen eben mit der Zeit gehen … Wir bedenken
aber nicht, dass diese Entwicklung paradoxerweise nur ein Fortschritt
der Technik ist; für die Menschen, die immer weniger schreiben,
lesen und nachdenken, scheint es geradezu eine Degradierung zu sein.
Menschen verlieren fast spielerisch die Fähigkeit, die sie zu
bewussten und kritischen Individuen macht.

Der
Wandel vom Homo Sapiens zum Homo Virtualis ist im Gange; aber
zukünftigen Generationen werden die Mittel und Fähigkeiten fehlen,
diesen Prozess zu beschreiben und zu analysieren.

Früher
hieß es, dass diejenigen, die Bücher lesen, immer über die anderen
herrschen werden, die nur TV schauen. Heute kann man behaupten,
dass sich diese Dualität fröhlich auflöst. Wer sich mit Pokémons
und anderen virtuellen Phänomen beschäftigt, fällt aus dem
politischen Leben. Er wird instrumentalisiert und beherrscht –
aber es stört ihn nicht im Geringsten. Kann man sich im
Pokémon-Zeitalter noch einen studentischen
Anti-Establishment-Aufruhr wie die 1968er-Bewegung vorstellen? Oder
können in der virtuellen Realität noch politisch-intellektuelle
Gruppen gedeihen, die den Anspruch haben, selbst eine vollständige,
d.h. verantwortliche Elite zu werden?

Nein,
diese Ansprüche sind längst zugrunde gegangen. In einer ernst zu
nehmenden Petition fordern Zehntausende, dass – Pokémon auch auf
Windows Phone verfügbar sein soll. Die Unbequemlichkeit in der
virtuellen Realität bewegt Menschen eher gesellschaftlich aktiv zu
werden als die Unbequemlichkeit in der echten. Britische jungen
Leute, die mehrheitlich die Brexit-Abstimmung ferngeblieben sind (was
interessiert uns noch Politik …?), haben am Tag nach der Abstimmung
panisch „what is EU“ gegoogelt. Immerhin ein letztes Aufbäumen
eines Interesses an der realen Welt und den realen politischen
Vorgaben.

Immer
neue Unterhaltungen a la Pokémon wirken unvermeidbar als eine
Infantilisierung; und diese hat Nebenwirkungen: Während ein
Erwachsener in der Lage ist, Verantwortung zu tragen, passt sich ein
Kind entweder unkritisch an oder es wählt die Sprache der
kontraproduktiven Rebellion. Für die infantilisierte Masse wird die
Rebellion heute immer mehr zum Ziel, nicht zum Mittel. Und derjenige,
der aus dieser Rebellion ein politisches Kapital ziehen will, kann es
dank der Infantilisierung leicht machen.

Noch
bietet das Leben zwei Optionen: Entweder wird man ein bewusster
Produzent seiner eigenen Identität oder man ist der Konsument einer
fertigen fremden. Doch die Schaffung der eigenen Identität und die
Ausbildung einer eigenen Meinung bereitet Mühe, fordert Anstrengung;
der Konsum der fertigen Identitäten und Meinungen hingegen sorgen
für Unterhaltung und Spaß. „Wir amüsieren uns zu Tode“, hat
Neil Postman einmal geschrieben. Aber wer macht sich heute noch
die Mühe, die Intellektuellen zu lesen, wo doch an der nächsten
Ecke der nächste Pokémon wartet?

Lena Kornyeyeva



World Benzo Awareness Day

Sedierte Gesellschaft Posted on Mon, July 11, 2016 17:37:40

11. Juli ist der World Benzo Awareness Day.

Viele meiner Patienten nehmen Benzodiazepine (Wirkstoffe: Alprazolam, Adinazolam, Climazolam, Chlordiazepoxide, Clonazepam, Clorazepate, Diazepam, Estazolam, Flurazepam, Flunitrazepam, Halazepam, Lorazepam, Lormetazepam, Loprazolam, Midazolam, Oxazepam, Temazepam, Triazolam, Prazepam, Nimetazepam, Nitrazepam).

Benzodiazepine sind Beruhigungsmittel, die eine sehr große Verbreitung bekommen haben. Wer über Schlafprobleme, innere Unruhe, Nervosität, depressive Verstimmungen und Ähnliches klagt, bekommt schnell ein Rezept für Tavor oder Diazepam. Die Patienten nehmen die Tablette, können dann die Nacht endlich gut durchschlafen und nehmen so die Tablette ein weiteres Mal und noch ein weiteres Mal – weil sie scheinbar hilft.

Viele Patienten haben zu spät erkannt, dass sie mit den Tabletten ein schlechtes Geschäft gemacht haben. Zuerst haben die Tabletten tatsächlich geholfen ihnen zu schlafen, doch nach und nach haben sie die Fähigkeit zerstört, überhaupt schlafen zu können; und sie haben abhängig gemacht.

Immer wieder berichten mir die Patienten, dass sie „von dem Zeug weg“ wollen, es ihnen aber nicht gelingt. „Ich muss ja funktionieren und ohne Tablette schlafe ich gar nicht mehr und dann bin ich wie gerädert“ – so eine der üblichen Aussage.

Die Symptomatik, bei der Benzodiazepine verschrieben werden – Schlafprobleme, innere Unruhe, Nervosität, depressive Verstimmungen – künden oft von rein psychischen Belastungen. Überforderung am Arbeitsplatz, Probleme in der Beziehung, mit denen kein angemessener Umgang gefunden wird usw.

Ein psychologisches Problem kann man nur psychologisch behandeln – alles andere ist ein Selbstbetrug. Nicht ein Beruhigungsmittel, sondern ein angemessener, gesunder Umgang mit sich selbst, eventuell unterstützt durch psychologische Begleitung, kann helfen, innere Ruhe und Gelassenheit wiederherzustellen.

Lena Kornyeyeva

P.S. People and their experiences with Benzos zum World Benzo Awareness Day 2016: https://www.youtube.com/watch?v=2X6ZFmo3VBY

P.P.S. Unabhängige Information und Austausch über Nebenwirkungen und Absetzsymptome von Psychopharmaka http://adfd.org



Hat ihr Kind etwas Besseres verdient?

Sedierte Gesellschaft Posted on Thu, October 15, 2015 18:12:52

Wenn die Eltern mich fragen, ob sie sich nicht überlegen sollten, Ritalin oder vergleichbare Tabletten ihrem Kind zu verabreichen, frage ich immer zurück: „Mit welchem Ziel möchten sie das tun?“ Diese Frage bring die Eltern erst einmal in Verlegenheit und dann sagen sie etwas in der Art: „Gute Frage… Damit das Kind anpassungsfähiger wäre…“

Auch habe ich einige Aussagen der Eltern gehört, dass ohne Tabletten ihr Kind nicht lenkbar genug wäre, dass es unnötige Diskussionen da führen würde, wo etwas einfach gemacht werden müsse. Mit der Tablette macht das Kind dann, was von ihm erwartet wird, und die Eltern sind scheinbar zufrieden.

Ich vermute, dass es zwei Arten von Eltern gibt: Die einen, die glauben, dass ihr Kind anpassungsfähig sein muss. Und die anderen, die glauben, dass ihr Kind für etwas Besseres befähigt ist.

Als wir Kinder waren, waren wir auch mit der Aufgabe konfrontiert, uns an die Welt und die gesellschaftliche Realität anzupassen. Jede löst diese Aufgabe auf seiner Art, erlebt dabei womöglich Krisen. Ein wichtiger Bestandteil des individuellen Wachstums ist auch eine Identitätssuche; die Entwicklung der eigenen Identität fällt den Menschen nie leicht. Gerade bei den Jugendlichen ist die Identitätssuche ein wichtiges Thema, das ihnen Sorgen und innere Unruhe bereitet und worüber vielen von ihnen nicht mit den Eltern reden können. Diese wichtige existentielle Erfahrung vergessen die meisten, sobald sie dieses kritische Alter überschritten haben.

Gerade so entstehen Missverständnisse. Es wird gerne behauptet, dass die „Pubertät ein sehr schwieriges Alter“ sei. Darunter wird dann meistens gemeint, dass dieses Alter für die Eltern sehr schwierig sei. Tatsächlich gestaltet es sich für die Jugendlichen aber viel schwieriger. So ein junger Mensch wird dann unangepasst und widerspenstig erscheinen.

Die Basis des Erwachsenwerden-Prozesses ist ein Bedürfnis, das für viele Eltern nicht nachvollziehbar ist, da die Eltern sich mit anderen Lebensaufgaben und ihren eigenen unerfüllten Bedürfnissen beschäftigen. Sein grundsätzliches Bedürfnis kann vielleicht auch nicht jeder Jugendliche klar formulieren, da er dafür noch nicht die ausreichende psychologische Reife besitzt. Denn sein Bedürfnis ist eher spiritueller Natur und es treibt die Jugendlichen, Fragen existenzieller Art an sich und an die Anderen zu stehlen. Fragen, auf die es meist keine einfachen Antworten gibt. Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens und meines Lebens insbesondere? Wofür bin ich hier, wenn nicht nur um meine biologischen Bedürfnisse zu erfüllen? Haben die Eltern Recht? Immer? Wieso leben sie ihr Leben so, wenn sie doch so viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten besitzen? Wieso sind sie nicht in der Lage mich zu verstehen, wenn sie viel älter und erfahrener sind als ich? Muss ich auch so wie meine Eltern werden oder gibt es Alternativen? Wie kann die Ordnung in der Gesellschaft so zentral sein, wenn es doch offensichtlich viel wichtigere Dinge im Leben gibt: wahre Selbstverwirklichung, wahre Liebe, individuelle Transzendenz? Wie kann ich mein Leben mit diesen Prinzipien gestalten? Wer kann für mich als Vorbild dienen? Gibt es überhaupt Autoritäten für mich oder jeder ist allein für sich zuständig?

Der, der sich solche Fragen stellt, muss zwangsläufig eine gewisse Krise durchmachen. In dieser Phase werden Eltern meist nicht als Vorbild oder als ausreichende Autorität gesehen. Die unerfüllten Erwartungen des fast erwachsenen Kindes lassen sich in seiner äußeren Unzufriedenheit und seinem Widerstand spüren, und diese Erwartungen werden von den Eltern viel zu häufig falsch interpretiert. Als Reaktion darauf entsteht dann der Wunsch der Eltern, das Kind „angepasster“ zu formen.

Doch die tatsächliche Aufgabe der Eltern ist, in dieser Situation das Kind zu verstehen. Ihm zu helfen, die Krise erfolgreich zu überstehen und seine eigene Identität zu finden und Frieden mit der äußeren Welt zu schaffen. Eine Identität, mit der ein junger Mensch sein weiteres Leben zufrieden durchleben kann und in der Lage ist, die kommenden Lebensaufgaben zu lösen.

Wenn sie als Eltern merken, dass ihr Kind diese Phase erlebt, freuen sie sich, dass ihr Kind sich als Persönlichkeit entwickelt. Auch wenn diese Krise ziemlich turbulent sein mag und zu allen möglichen Konflikten führt. Es gibt kein Leben ohne Konflikte; jeder sollte deshalb lernen, mit Konflikten umzugehen – um so zufriedener wird sich sein weiteres Leben gestalten.

Vergessen sie nicht, dass die Gesellschaft, an die sie versuchen ihr Kind anzupassen, bereits zur Vergangenheit gehört. Ihr Kind wird sich an eine andere Gesellschaft anpassen müssen, an Bedingungen und Voraussetzungen, die sie noch nicht kennen können. Womöglich wird ihr Kind selbst die neue Gesellschaft, in des hineinwächst, kreativ gestalten wollen und können – vielleicht wird es eine bessere, gerechtere, freiere und glücklichere Gesellschaft sein. Dafür benötig es nicht nur Disziplin und Ordnung, sondern vor allem innere Freiheit, ein kreatives Denken und den Glauben an sich selbst.

Wenn sie sich mit der Frage beschäftigen, „sollte ich meinem Kind Ritalin geben?“, beantworten sie erst folgende Frage: „Hat ihr Kind nicht etwas viel Besseres verdient?“

Lena Kornyeyeva