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Doktor Lenas Blog

Emotionen und ungeprüfte Fantasien: ein Riesenrad ohne Vergnügungen

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Wed, December 02, 2020 18:41:18

In Gesprächen entstehen manchmal unerwartete Missstimmungen bis hin zu Konfrontationen. Getragen werden die plötzlich auftretenden Verstimmungen von ungeprüften Fantasien — über den Hintergrund der Aussagen des Gegenüber. Ungeprüfte Fantasien werden als Realität wahrgenommen, die Gelegenheit, sie im Gespräch zu prüfen, wird häufig nicht genutzt. Emotionen können stärker werden, unterstützt von den ungeprüften Fantasien. Dieser Prozess läuft innerlich ab und bleibt dem Gegenüber gar nicht offenkundig. Eine geäußerte ungeprüfte Fantasie kann auch als eine Unterstellung aufgenommen werden und Emotionen erwecken. Es beginnt ein Aufschaukeln von ungeprüften Fantasien und nachfolgenden Emotionen — es startet eine Eskalation.

Ein Beispiel: A verhält sich etwas undiplomatisch und bei B entsteht der Eindruck, dass er angegriffen wird. Um sich zu verteidigen, erwidert B etwas, das die Gefühle von A verletzt. A erkennt sich nicht als den Auslöser; er ist verärgert und findet den Umgang ungerecht, da er ohne böse Absicht gesprochen hatte. Im nächsten Schritt denkt er, dass B ihn nicht mehr lieb hat, um sich selbst eine Erklärung dem Geschehenen zu geben. Auf diese „Erklärung“ folgt die nächste Emotion — die Angst, tatsächlich abgelehnt und nicht mehr geliebt zu werden. Aus dieser Angst heraus agiert A mit weiteren Vorwürfen und Verletzungen …  

Beispiele dieser Art kennt jeder. Und doch sind diese Eskalationen vermeidbar. Es gibt immer eine Möglickeit, eine ungeprüfte Fantasie über das Verhalten oder das Denken des Anderen zu prüften. Auch eigene Emotionen sollen zuerst erkannt und zugeordnet werden — und dann geäußert. Diese Schritte reichen, im das Riesenrad in seinem unheilvollen Lauf zu stoppen.  

„Mir schien es, dass meine Wörter dich geärgert haben.“

„Bei mir ist gerade der Endruck entstanden, dass ich deine Gefühle verletzt habe.“

„Ich habe Befürchtung, dass du mich nicht mehr lieb hast.“ 

Notwendige Voraussetzung für diese Äußerungen ist Ehrlichkeit von beiden Seiten. Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang miteinander können Sie bei mir im Paarcoaching lernen. Dann ist vieles möglich: Eine kleine aufpoppende ungeprüfte Fantasie zu bestätigen oder zu widerlegen kann ein Riesengewinn für eine Beziehung sein. 

Eine Fantasie zu äußern und zu prüfen ist das Mittel, um unangenehme Emotionen zu vermeiden. Negativen Emotionen zu benennen und abzureagieren hilft, wieder Vertrauen und Nähe zu erleben. Ohne Vertrauen und Nähe entsteht keine Zweisamkeit. 

Konzept der ungeprüften Fantasie: Claude Steiner, der Entwickler der Emotionalen Kompetenz; Die Idee des Riesenrades und der Abbildung: Lena Kornyeyeva



Entschuldigung als Machtmittel

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Mon, November 30, 2020 13:18:53

…vs. 

Entschuldigung als Entschuldigung

Nach vielen gescheiterten Bemühungen, in ihrer beruflichen Beziehung für die Gerechtigkeit zu sorgen, hat die Patientin „das Handtuch geworfen“. Die Person, deretwegen sie aus der Firma ausgeschieden war, bat sie anschließend im Entschuldigung — ohne aber ihren Austritt in Frage zu stellen. Sie fühlte sich trotz der Entschuldigung ungerecht behandelt und unwohl.

Eine Bitte um Entschuldigung kann als eine Art Machmittel verwendet werden — in einem raffinierten Machtspiel. Jeder weiß, was für ein gutes Gefühl die Bitte um Entschuldigung in uns erwecken kann: man fühlt sich angesprochen und wertgeschätzt. Doch die Situation wird in einem Machtspiel durch die Bitte um Entschuldigung nicht geändert — das, wofür um Entschuldigung gebeten wurde, wird nicht aufgelöst. Die Bitte um Entschuldigung fungiert hier als eine Art „Raumduft“ oder wie eine Anästhesie, die allein das aktuelle Gefühl verbessert und den Fokus von dem Geschehenen wegführt. Besonderes gut fühlt man sich, wenn eine hochrangige Person um Entschuldigung bittet, von der die betroffene Person in irgendeiner Weise abhängig ist. 

Um eine authentische Entschuldigung von einem raffinierten Machtspiel zu unterscheiden, sollte man zwei Aspekte berücksichtigen. 

Der erste Aspekt: Erkennen der wahren Absicht. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen der Absicht, dem Betroffenen etwas Gutes zu tun, und der Absicht, sich selbst abzusichern und für eigene Vorteile sorgen. Die beiden Absichten können sich durchaus ergänzen – wenn die Hauptabsicht gutmütig ist. Entscheidend ist aber, ob jemand vor allem einen Ablassbrief kaufen oder ob er – wie auch immer – die Lage des Betroffenen tatsächlich verbessert will. 

Der zweite Aspekt: Der langfristige Effekt der Entschuldigung. Werden die Ursache des Schadens und die Schaden selbst beseitig? Wird der Schaden angemessen und ausreichend entschädigt? Wenn beide Antworten „nein” lauten, dann handelt es sich nicht um eine Bitte um Entschuldigung, sondern um einen Versuch des Bittenden, sich abzusichern.  

Eine ehrliche Bitte um Entschuldigung ist enorm machtvoll. Machtvoll im besten Sinne des Wortes: Sie kann bewegen und heilen — in Hinblick auf ein individuelles Wohlergehen. Gerade da sie so machtvoll ist, kann sie ausgenutzt werden — um für sich Vorteile zu generieren. Das Wort Macht ist eben nicht ohne Grund vor allem negativ konnotiert.

Um die wahre Absicht des Bittenden zu erkennen und um nicht auf ein raffiniertes Machtspiel reinzufallen, hilft ein wirksames Konzept: das Funktionsmodell der Ich-Zustände nach Eric Berne. Das Kritische Eltern-Ich ist immer im Hintergrund jeder abwertenden und daher entmachtenden Handlung; das Fürsorgliche Eltern-Ich sorgt dafür, dass eine Kommunikation abwertungs- und missbrauchsfrei abläuft. „Ich bin OK und Du bist OK“ bedeutet, „wir sind gleichwertig“. Ein Mensch, der seinen subjektiv wahrgenommenen Wert nicht aus der Abwertung der Anderen schöpft, wird nicht zu einem Machtmittel greifen. 



A Warm Fuzzy Tale

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Fri, November 13, 2020 13:21:42

by Claude M. Steiner 

Once upon a time, a long time ago, there lived two happy people called Tim and Maggie with their two children, John and Lucy. To understand how happy they were you have to understand how things were in those days. You see in those happy days everyone was given a small, soft Fuzzy Bag when born. Any time a person reached into this bag they were able to pull out a Warm Fuzzy. Warm Fuzzies were very much in demand because whenever someone was given a Warm Fuzzy it made them feel warm and fuzzy all over.

In those days it was very easy to get Warm Fuzzies. Anytime that somebody felt like it, he might walk up to you and say, “I’d like to have a Warm Fuzzy.” You would then reach into your bag and pull out a Fuzzy the size of a child’s hand. As soon as the Fuzzy saw the light of day it would smile and blossom into a large, shaggy, Warm Fuzzy. When you laid the Warm Fuzzy on the person’s head, shoulder or lap it would snuggle up and melt right against their skin and make them feel good all over.

People were always asking each other for Warm Fuzzies, and since they were always given freely, getting enough of them was never a problem. There were always plenty to go around, and so everyone was happy and felt warm and fuzzy most of the time.

One day a bad witch who made salves and potions for sick people became angry because everyone was so happy and feeling good and no one was buying potions and salves. The witch was very clever and devised a very wicked plan. One beautiful morning while Maggie was playing with her daughter the witch crept up to Tim and whispered in his ear,  

“See here, Tim, look at all the Fuzzies that Maggie is giving to Lucy. You know, if she keeps it up she is going to run out and then there won’t be any left for you!”

Tim was astonished. He turned to the witch and asked, “Do you mean to tell me that there isn’t a Warm Fuzzy in our bag every time we reach into it?”.

And the witch answered, “No, absolutely not, and once you run out, that’s it. You don’t have any more.” With this the witch flew away on a broom, laughing and cackling all the way.

Tim took this to heart and began to notice every time Maggie gave away a Warm Fuzzy. He got very worried because he liked Maggie’s Warm Fuzzies very much and did not want to give them up. He certainly did not think it was right for Maggie to be spending all her Warm Fuzzies on the children and other people.

Tim began to complain or sulk when he saw Maggie giving Warm Fuzzies to somebody else, and because Maggie loved him very much, she stopped giving Warm Fuzzies to other people as often, and reserved most of them for him.

The children watched this and soon began to get the idea that it was wrong to give  Warm Fuzzies any time you were asked or felt like it. They too became very careful. They would watch their parents closely and whenever they felt that one of their parents was giving too many Fuzzies to others, they felt jealous and complained and sometimes even had a tantrum. And even though they found a Warm Fuzzy every time they reached into their bag they began to feel guilty whenever they gave them away so they reached in less and less and became more and more stingy with them.

Before the witch, people used to gather in groups of three, four or five, never caring too much who was giving Warm Fuzzies to whom. After the coming of the witch, people began to pair off and to reserve all their Warm Fuzzies for each other, exclusively. When people forgot to be careful and gave a Warm Fuzzy to just anybody they worried because they knew that somebody would probably resent sharing  their Warm Fuzzies. 

People began to give less and less Warm Fuzzies, and felt less warm and less fuzzy. They began to shrivel up and, occasionally, people would even die from lack of Warm Fuzzies. People felt worse and worse and, more and more, people went to the witch to buy potions and salves even though they didn’t really seem to work.

Well, the situation was getting very serious indeed. The bad witch who had been watching all of this didn’t really want the people to die (since dead people couldn’t buy his salves and potions), so a new plan was devised.

Everyone was given, free of charge, a bag that was very similar to the Fuzzy Bag except that this one was cold while the Fuzzy Bag was warm. Inside of the witch’s bag were Cold Pricklies. These Cold Pricklies did not make people feel warm and fuzzy; in factthey made them feel cold and prickly instead. But the Cold Pricklies werebetter than nothing and they did prevent peoples’ backs from shriveling up.

So, from then on, when somebody asked for a Warm Fuzzy, people who were worried about depleting their supply would say, “I can’t give you a Warm Fuzzy, but would you like a Cold Prickly instead?”

Sometimes, two people would walk up to each other, thinking they maybe they could get a Warm Fuzzy this time, but one of them would change his mind and they would wind up giving each other Cold Pricklies instead. So, the end result was that people were not dying anymore but a lot of people were very unhappy and feeling very cold and prickly indeed.

The situation got very complicated since the coming of the witch because there were fewer and fewer Warm Fuzzies around and Warm Fuzzies which used to be free as air, became extremely valuable.

This caused people to do all sorts of things in order to get Warm Fuzzies. People who could not find a generous partner had to buy their Warm Fuzzies and had to work long hours to earn the money.

Some people became “popular” and got a lot of Warm Fuzzies without having to give any back.  These people would then sell their Warm Fuzzies to people who were “unpopular” and needed them to feel that life was worth living.

Another thing which happened was that some people would take Cold Pricklies–which were everywhere and freely available-and coated them white and fluffy so that they almost looked like Warm Fuzzies. These fake Warm Fuzzies were really Plastic Fuzzies, and they caused additional problems.

For instance, two or more people would get together and freely give each other Plastic Fuzzies. They expected to feel good, but they came away feeling bad instead. People got very confused never realizing that their cold, prickly feelings were because they had been given a lot of Plastic Fuzzies.

So the situation was very, very dismal and it all started because of the coming of the witch who made people believe that some day,when least expected, they might reach into their Warm Fuzzy Bag and find no more.

Not long ago, a young woman with big hips came to this unhappy land. She seemed not to have heard about the bad witch and was not worried about running out of Warm Fuzzies. She gave them out freely, even when not asked. They called her the Hip Woman and disapproved of her because she was giving the children the idea that they should not worry about running out of Warm Fuzzies. The children liked her very much because they felt good around her and they began to follow her example giving out Warm Fuzzies whenever they felt like it.

This made the grownups very worried. To protect the children from depleting their supplies of Warm Fuzzies they passed a law. The law made it a criminal offense to give out Warm Fuzzies in a reckless manner or without a license. Many children, however, seemed not to care; and in spite of the law they continued to give each other Warm Fuzzies whenever they felt like it and always when asked. Because they were many, many children, almost as many as grown ups, it began to look as if maybe they would have their way.

As of now it`s hard to say what will happen. Will the grownups laws stop the recklessness of the children?

Are the grownups going to join with the Hip Woman and the children in taking a chance that there will always be as many Warm Fuzzies as needed?

Will they remember the days their children are trying to bring back when Warm Fuzzies were abundant because people gave them away freely?

The struggle spread all over the land and is probably going on right were you live. If you want to, and I hope you do, you can join by freely giving and asking for Warm Fuzzies and being as loving and healthy as you can.

(1969)



Drehbücher, die Menschen ändern

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Fri, November 13, 2020 13:18:46

Übersetzung aus dem Englischen

(„Scripts people change“, veröffentlicht im ‚The Script – Newsletter‘ der International Transactional Analysis Association, Juli 2019)

Wie können in einer Kultur, in ein und demselben Land, zwei gegensätzliche Einstellungen entstehen – demokratisch und pro-autoritär? Was macht Menschen überhaupt autoritär? Die Zeit der Orangene Revolution in Kiew war für mich, damals lebte ich in Kiew, eine interessante Zeit für Fragestellungen und Beobachtungen – es gab die Demokraten und diejenigen, die den autoritären Staat wollten. Als Psychologin suchte ich damals nach Antworten auf meine zentrale Frage. Was macht Menschen autoritär?

Die Frage bildete die Grundlage eines von mir entwickelten Forschungsprojekts. Ich habe damals Texte zum autoritären Charakter studiert – von Wilhelm Reich über Erich Fromm bis hin zu empirischen Studien von Stanley Milgram und dem Stanford-Experiment von Philip Zimbardo. Ich begann, das Phänomen Autoritarismus in einem sozialpsychologischen Kontext zu verstehen. Neuere Arbeiten und Berichte über autoritäre Studien waren ebenfalls interessant, beschäftigten sich jedoch meist nur mit der „äußeren Hülle“; sie fragten nach politischen Ansichten und Vorlieben einer Persönlichkeit – ohne die Gründe der Ansichten zu klären. Ich habe damals viel über die sogenannte “Okayness” nachgedacht – vielleicht könne das Konzept der Okayness helfen, eine Antwort auf meine Frage nach der autoritären Einstellung zu finden. 

Damals lernte ich, noch in Kiew, die Methode der Transaktionsanalyse. Elena Soboleva kam regelmäßig aus Sankt-Petersburg in die ukrainische Hauptstadt, um Seminare und therapeutische Marathons zur Transaktionsanalyse zu veranstalten. Als es in einem ihrer Seminare um die „Drehbücher“ – die unbewussten Scripts – ging, als sie die Möglichkeit aufzeigte, solche Drehbücher bewusst zum Guten zu ändern, erwähnte sie auch Claude Steiners Buch “Scripts People Live“, auf deutsch „Wie man Lebenspläne verändert“. Das Buch mit dunkelblauem Cover war damals Steiners einziges Buch, das ins Russische übersetzt war; es half mir, mein eigenes Skript zu verwirklichen und es so zu ändern, wie ich es wollte.

The Other Side of Power („Macht ohne Ausbeutung“) war Steiners zweites Buch, das ich las. Damals existierte es noch nicht auf Russisch oder Ukrainisch, Steiner hatte den Text frei auf seine Internetseite gestellt. Je länger ich an meinem Forschungsprojekt arbeitete, desto mehr wuchs in mir die Überzeugung, dass Claudes Verständnis der Natur der Macht und der sogenannten „Machtspiele“ mir viel über autoritäre Denk- und Verhaltensmuster erklärte. Es erschien mir nun sinnvoll zu prüfen, ob „Nicht-Okayness“ eine Voraussetzung oder eine Art „Substrat“ für die Entwicklung des autoritären Charakters ist.

Als das Forschungsprojekt ausformuliert war, präsentierte ich es einer angesehenen akademischen Einrichtung in der Ukraine. Das Projekt wurde genehmigt, aber meine Forschung hätte nur dann durchgeführt werden können, wenn ich den Professoren meine finanzielle “Okayness” bewiesen hätte – natürlich informell. Da schien ein weiteres autoritäres Spiel zu beginnen, bei dem ich aber nicht mitspielen wollte. 

Deswegen entschied ich mich, einen Professor zu finden, der sich für meine Forschungsidee interessierte. Die Bücher, die ich zum Thema las, hinterließen bei mir den Eindruck, dass westliche Wissenschaftler mehr als diejenigen in meinem Land daran interessiert waren, das Phänomen des Autoritarismus zu verstehen. Ich übersetzte also das Forschungsprojekt ins Englische und gestaltete das Forschungsmodell so, dass es auch in einem multikulturellen sozialen Kontext durchführbar war. Während der Arbeit beschloss ich, Claude Steiner eine E-Mail zu schreiben und ihn um Rat zu fragen. Aber es kam keine Antwort und ich dachte, ich solle den großen Forscher nicht weiter belästigen. Mein amerikanischer Freund jedoch, der mir bei der Übersetzung des Forschungsprojekts ins Englische geholfen hatte, empfahl mir, ihn einfach anzurufen. Steiners Telefonnummer stehe immerhin öffentlich zugänglich auf seiner Internetseite. Eines späten Abends, als es in Kalifornien schon Morgen war, wählte ich Steiners Nummer. Er nahm den Hörer ab, hörte meine Frage und sagte sehr ruhig: „Ja, ich habe deinen Brief erhalten. Ich habe auch eine Antwort geschickt, schon vor einigen Tagen. Ich denke, die Forschungsidee ist tragfähig, du sollst die Hypothese auf jeden Fall überprüfen. Viel Erfolg!“

Manchmal passiert es: Aus irgendeinem Grund finden einzelne E-Mails ihre Adressaten nicht – sie benötigen eine Hilfestellung, um beim Empfänger zu landen; so wie jeder von uns manchmal Unterstützung benötigt. Steiner versprach mir, seinen Brief erneut zu schicken. Als ich seine Kommentare und Antworten auf meine Fragen in meinem E-Mail-Postfach fand, konnte ich nicht glücklicher sein: Meine Idee wurde von einem der besten Psychologen, die ich kannte, bestätigt! Es schien meinen Kollegen und Kolleginnen unglaublich, sich an einen Star zu wenden, um Unterstützung zu erhalten und die zu erhalten. Diese Ansicht war außerhalb ihres Skript, ebenso wie meines eigenen Skript zu der Zeit.

Das Forschungsprojekt habe ich schließlich an einen der erfahrensten und angesehensten Forscher der autoritären Persönlichkeit geschickt – Klaus Boenke. Er hatte in Australien und Kanada gelehrt und war, als ich ihn anschrieb, Professor an der englischsprachigen Jacobs University in Bremen. Seine Antwort war eine weitere Bestätigung meiner Idee: Die Jacobs University lud mich offiziell ein, das Forschungsprojekt in Bremen durchzuführen. Steiners blaues Werk gehörte zu den wenigen Büchern, die ich aus der Ukraine nach Bremen mitgenommen hatte.

Meine Hypothese wurde durch eine quantitative (N = 1318) Studie bestätigt. Sobald die statistische Analyse abgeschlossen, die Dissertation geschrieben und verteidigt war, beschloss ich, in meinen Beruf zurückzukehren. Seitdem arbeite ich als Psychologin in einer Klinik in Bayern und betreibe eine Praxis für psychologische Beratung. Ich liebe meine Arbeit und ich kann mir nicht vorstellen, wie sich mein Leben entwickelt hätte, wenn ich mich nicht entschieden hätte, mein Drehbuch zu ändern.

Eines Abends, nach einem langen Arbeitstag, beschloss ich, Steiner einen Dankesbrief mit warm fuzzies* zu schreiben. Er sollte wissen, wie sehr er mir geholfen hatte, mein Leben zum Besseren zu verändern. Er wird sich, dachte ich, auf jeden Fall freuen, dass ich seine Ideen in meinen Büchern erwähnt habe, Bücher, die auf Deutsch und Russisch veröffentlicht wurden. Er wird sich über meine Dankbarkeit freuen, genauso wie ich mich freue, wenn Menschen sich bei mir für meine Arbeit bedanken.

Ich öffnete also Steiners Internetseite … und erwarb als nächstes ein Ticket nach Bad Grönenbach, dreihundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt. In Steiners Terminkalender hatte ich eine Konferenz zur Emotionalen Kompetenz in Bad Grönenbach entdeckt, Steiner – Begründer der Methode der Emotionalen Kompetenz – war als Ehrengast geladen.

Das Buch mit dem dunkelblauen Umschlag nahm ich mit. Als ich mich Steiner vorstellte, sagte er, er erinnere sich an meiner Forschungsidee und er fragte sanft lächelnd, ob ich bereits eine Frau Doktor sei. “Ja, das bin ich”, antwortete ich und dankte ihm für die Unterstützung, die er mir damals gegeben hatte. Was damals von ihm erhalten hatte, war mehr als ein Rat eines erfahreneren Kollegen, es war eine Erlaubnis.

Wir haben in Bad Grönenbach viel über Macht und Machtspiele in meinem Heimatland und in Russland gesprochen und er sagte, dass wir Psychologen da noch viel zu tun hätten … Ich sah die Wärme in seinen Augen als er über seinen Lehrer Eric Bern erzählte. Er sagte mir auch, dass er damals zu unerfahren gewesen sei, um seine Gefühle gegenüber Bern angemessen auszudrücken.

Ich erzählte ihm von meinen Kollegen in der Ukraine und wie sehr sie seine Ideen und seine Bücher schätzten.”Weißt du“, antwortete er, „manchmal frage ich mich, warum Menschen meinen Beitrag für etwas Besonderes halten … Ich habe nicht das Gefühl, etwas Außergewöhnliches zu tun … Ich tue einfach das, was getan werden muss“.

Auf dem Weg von Bad Grönenbach nach Hause las ich das Buch mit dem dunkelblauen Cover zum fünften Mal. Das Buch war nun vom Autor signiert. Ich hatte Steiner erzählt, dass mich sein Buch all die Jahre begleitet hatte – von Kiew nach Bremen und von Bremen nach Bayern. Er hatte dann geschrieben: “To Lena, fellow Ψ enthusiast from Claude Steiner.”  Und dann: „Hör mal, hier muss irgendwo so was sein: “Ich widme dieses Buch Eric – meinem Lehrer, Freund, Vater und Bruder. Kannst Du mir zeigen, wie es auf Russisch aussieht?“ Ich fand die Widmung und er schrieb daneben: “and to Lena from Claude Steiner.” In seinen Worten und Handlungen war keine Spur von stroke economy**. Genau so sollen wir miteinander umgehen.

  • * „A Warm Fuzzy Tale“ von Claude Steiner (1969), „Das Märchen von den Kuscheltüchern“, eine metaphorische Erzählung über Entstehung des unangemessen sparsamen Umgehens mit Liebe und Anerkennung. 
  • ** Stroke economy: Sparsames Umgehen mit Liebe und Anerkennung. Ein Begriff aus der Emotionalen Kompetenz.

Lena Kornyeyeva



„Pig-Parent“ und Iatrogenie

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Thu, October 10, 2019 22:51:18

Eine Übertragung im psychoanalytischen Sinne kann in jeder psychotherapeutischen Gruppe vorkommen, auch in einer Weiterbildungsgruppe. Jeder – auch eine leitende fachkundige Person – ist vor allem ein Mensch. Einen entsprechenden Fall möchte ich hier betrachten.

Zu den Herausforderungen der Gruppenarbeit gehört die so genannte „Pig-Parent-Attacke“ – wenn ein Teilnehmer, ohne es selbst zu verwirklichen, Frustration und Ärger auf die leitende Person ablässt. Der Leiter oder die Leiterin ist in diesem Fall durch seine Art der Kommunikation nur Auslöser von alten, nicht oder nicht ganz verarbeiteten Gefühlen; die leitende Person bekommt die Reaktion ab, die einst dem eigentlichen Verursacher zugedacht war.

Unter einer „Pig-Parent-Attacke“ wird ein akuter Fall von Selbstabwertung verstanden (der Name ist vom „Pig-Parent“(1) hergeleitet – dem Kritischen Eltern-Ich, einem individuellen Introjekt, das eine abwertende und selbstdestruktive Haltung verkörpert). Nicht selten ist die Pig-Parent-Attacke auch nach außen gerichtet. Objekt kann eine nahestehende Person werden, die unbewusst mit ihrer Handlung ein altes Gefühl auslöst, zum Beispiel die Angst vor einer bestimmten Situation.

Um mit einem derartigen Fall therapeutisch angemessen umgehen zu können, benötigt man als leitende Person ein gut ausgeprägtes Wertschätzendes Eltern-Ich. Dieses ist die „Gegenmacht“ zum „Pig-Parent“. Ein Problem kann dann entstehen, wenn in der leitenden Person selbst eine Pig-Parent-Attacke ausgelöst wird — getriggert von der abwertenden Haltung des betroffenen Teilnehmers. Das sollte bei Psychotherapeuten nicht vorkommen, sie sind ausgebildet, um solche Situation bewältigen zu können. Doch auch Therapeuten sind vor allem Menschen. (2)

Entscheidend ist hier der Grad der Destruktivität des individuellen Pig-Parent-Introjekts. Wenn – subjektiv wahrgenommen – das Pig-Parent des Anderen potenziell machtvoller (noch destruktiver) scheint, kann es zu einer Art „Unterordnung“ kommen: der Betroffene versucht sich zu schützen, indem er dem „Machtvolleren“ nicht widerspricht, stattdessen ihn zu versöhnen versucht oder einer Diskussion aus dem Wege geht. Es ist kein rationales Verhalten, so manifestiert sich das so genannte Reptiliengehirn – der älteste und tiefste Teil unseres Gehirns, der in einer bedrohlichen oder gefährlichen Situation für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion zuständig ist.

Das „Pig-Parent“ verinnerlicht jeder von uns im Laufe der Sozialisation als Introjekt – von den individuell wirksamen Elternfiguren. Viele von uns sind für die destruktiven Botschaften des Pig-Parent empfänglich, wir glauben dieser „höheren“ Instanz: „Du bist nicht gut genug“, „Du schaffst das nicht“ usw. In dieser Form kann sich das „Pig-Parent“ auch bei einer Person, die eine therapeutische Gruppe leitet, manifestieren. Dann ist der Leiter oder die Leiterin sofort gefordert, die destruktiven Botschaften des Introjekts zu identifizieren und diese zu neutralisieren.

Wenn die leitende Person nicht verwirklicht, dass in ihr eine „untergeordnete“ Position zum destruktiven Pig-Parent des Gegenübers entstanden ist und sie nicht mehr die Macht des eigenen Wertschätzenden Eltern-Ichs verwendet, kann sie den Betroffenen und die Gruppe nicht stabilisieren. Für andere Teilnehmer kann es zudem negative Folgen haben: Sie können die Situation als unsicher empfinden. Hier gilt eine einfache Regel: Wenn man sich selbst nicht genug in Schutz nimmt, kann man auch Andere nicht in Schutz nehmen.

Der unbewusste Prozess der Unterordnung kann sich rasch entwickeln; manchmal zu schnell, um rational und angemessen zu reagieren. Je länger eine ungeklärte Situation andauert, um so mehr Unsicherheit entsteht in der Gruppe, desto unzufriedener können die Gruppenteilnehmer werden. Das kann einen iantogenen Effekt verursachen – die Erwartungen der Teilnehmer werden nicht erfüllt, die Teilnehmer sind verwirrt und unzufrieden, bei einigen kann es eine „rubber band“-Reaktion auslösen – eine Regression oder Retraumatisierung. Viele stellen in so einer Situation entweder die Methode oder die Kompetenz des Leiters in Frage, sie verlieren ihr Vertrauen oder sie sind enttäuscht oder verärgert.

In so einer Situation muss die Macht des Wertschätzenden Eltern-Ichs ausgeprägter und spürbarer sein als die destruktive Macht des Pig-Parent. Nur eine höhere Instanz (eine spürbar größere Macht) kann für die Beruhigung und Versöhnung des betroffenen Patienten sorgen. Gleichzeitig kann diese höhere Instanz an die anderen Gruppenteilnehmer die Botschaft senden, dass in der Gruppe keiner verletzt (abgewertet, ausgegrenzt) wird. Ein Wertschätzendes Eltern-Ich, dessen Macht größer ist als die Destruktivität des „Pig-Parent“, schafft es, dem Betroffenen zu helfen, das eigene Erwachsenen-Ich einzuschalten und sich wieder ins „hier uns jetzt“ zurück zu bringen.

Das „Pig-Parent“ ist hier die wahre Ursache des iatrogenen Effektes, der für die ganze Gruppe spürbar sein kann. Unter iatrogen versteht man in der Medizin eine vom Arzt verursachte negative Folge. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, einen möglichen iatrogenen Effekt zu vermeiden.

Um das zu leisten, benötig man auch eine klare Unterscheidung zwischen dem Wertschätzenden („nährenden“) Eltern-Ich und dem Abwertenden Eltern-Ich (dem „Pig-Parent“), das uns künstlich „kleiner“ und unfähiger macht als wir in Wirklichkeit sind. Denn wenn die Definition selbst nicht klar und die Grenze zwischen den Beiden nicht sicher ist, ist die Voraussetzung für Abwertungen, Verletzungen und Enttäuschungen gegeben.

Das ausgeprägte Wertschätzende Eltern-Ich ist auch die Grundlage für eine Wiedergutmachung: es bringt den Menschen in der Lage, für eigenes Verhalten Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel, in Form einer Bitte um Entschuldigung –– für die Unannehmlichkeiten, die er dem Leiter und den anderen Gruppenteilnehmern in dieser Situation bereitet hat. Der Gruppenleiter oder die Gruppenleiterin kann aus dem eigenen Wertschätzenden-Eltern-Ich die Bitte dann gerne erfüllen.

Lena Kornyeyeva

1) Da ich selbst in meiner Arbeit bewusst auf Abwertungen jeder Art verzichte, ersetze ich die Bezeichnung „Pig-Parent“ mit dem „Abwertenden Eltern-Ich“. Mehr dazu in dem Artikel „Zum Wert-Prinzip in der psychotherapeutischen Wortwahl“ (Report Psychologie, Januar 2019).

2) In diesem Sinne wäre auch der Weiterbildungsvertrag für den Zweck der emotionalen Stabilisierung vorübergehend zu pausieren und stattdessen wäre ein therapeutischer Vertrag zu schließen: so transliert der Therapeut seine schützende und bewusste Haltung (Wertschätzendes Eltern-Ich + Erwachsenen-Ich). Denn es ist nicht immer realistisch, in einer Weiterbildungsgruppe therapeutische Anteile zu vermeiden – Regressionen können immer passieren. Mit einer gut formulierten Intervention zum therapeutischen Vertrag kann der Leiter oder Leiterin das Erwachsenen-Ich des Betroffenen aktivieren. Das hilft die iatrogene Effekte möglichst fern zu halten.



Machtmissbrauch: Formen und Intensität

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Wed, September 04, 2019 01:09:33

Ein manipulatives Verhalten kann unterschiedliche Formen annehmen. Man kann einer Manipulation um so besser entgegen treten, je früher man sie bemerkt. Das betrifft insbesondere subtile Manipulationen.

Machtmissbrauch ist eine Handlung, die ein (nicht immer bewusstes) abwertendes, verletzendes Element beinhaltet und das Ziel hat, das Verhalten des Anderen zu seinem Nachteil zu beeinflussen. Psychische Gewalt, Machtspiele, Mobbing, Bullying und Schikane sind Namen des Missbrauchs unterschiedlicher Art.

Je „versteckter“ eine Manipulation ist, desto effektiver kann sie sein. Unter “Effekt” wird eine Beeinflussung der Emotionen und des Verhaltens des Objektes verstanden. Häufig auftretende Effekte sind eine subjektiv wahrgenommene Abwertung, die sich als Verletzung anfühlt.

Das Gegenteil eines Machtmissbrauchs ist eine gesunde Machtanwendung, z.B. jede Art kooperativen Verhaltens auf der Ebene „Ich bin OK – Du bist OK“ – wovon jeder Beteiligte profitiert.

Claude Steiner hat mit seinen Büchern einen wichtigen Beitrag zum Thema Machtspiele (power plays) vorgelegt. Aus seinem Buch “The heart of The matter: Love, Information and Transactional Analysis” habe ich den Machtspiele-Quadrant ins Deutsch übersetzt. Zweck ist, einen guten Überblick über die Machtspiele zu bekommen.

Den Quadranten habe ich um einige Ausprägungen – folgend Steiners “Emotionaler Kompetenz” – ergänzt, zum Beispiel mit “Gaslighting” und “Cloutlighting”. (Unter Gaslighting – oder Ambient Abuse – wird eine Form von psychischer Gewalt bzw. Machtmissbrauch verstanden, mit der das Objekt gezielt manipuliert, desorientiert und verunsichert wird. Der Realitätssinn und das Selbstbewusstsein der betroffenen Person werden allmählich in Frage gestellt und so zerstört. Cloutlighting ist eine Misch-Wortschöpfung, eine Kombination von Clout – engl. Einfluss oder Macht, insbesondere in Politik oder Wirtschaft – und der Endung von der Wertschöpfung Gaslighting. Unter dem Begriff wird eine Aktion verstanden, in der das Objekt zu einer emotionalen Reaktion provoziert wird, die aufzeichnet und danach in sozialen Netzwerken veröffentlicht wird. Die Öffentlichkeit verstärkt den gewünschten Effekt.)



Auf der Spur eines funktionierenden Funktionsmodells

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Mon, August 12, 2019 21:53:49

Nach der Veröffentlichung des Artikels „Zum Wert-Prinzip in der psychotherapeutischen Wortwahl“ (Report Psychologie, 1/2019) habe ich neben Lob auch die Rückmeldung bekommen, dass das gezeigte Modell nicht den aktuellen Stand der TA-Theorie wiedergäbe. Es ging um das Funktionsmodell der Ich-Zustände, das ich in meinem Artikel verwendet habe (siehe Grafik). 

Grafik: Funktionsmodell der Ich-Zustände

Der betreffende Kollege schrieb, dass in dem Modell schon „seit langem“ „plus“ und „minus“ unterschieden werden – also ein kEL-plus und ein kEL-minus, ein nEL-plus und ein nEL-minus. Er brachte folgendes Beispiel: Das kEL-plus sagt nicht „Du bist nicht Ok“ sondern “du bist OK und ich bin OK und ich fordere von dir, dass du mit drei Promille kein Auto mehr fährst.

Intuitiv konnte ich dem Kollegen nicht zustimmen. Das von ihm bevorzugte Modell schien mir schon immer in der Praxis nicht zu funktionieren. Und um den aktuellen Stand der TA-Theorie zu prüfen, habe ich mich auf die Suche begeben, deren Ergebnisse ich hier nun vorstelle.

Das von meinem Kollegen beschriebene Funktionsmodell mit „minus“ (-) und „plus“ (+) wurde während meiner TA-Ausbildung parallel zu dem von mir erwähnten Modell vorgestellt – als eines der Funktionsmodelle, die die Manifestationen der Ich-Zustände im aktuellen Denken und Verhalten darstellen (weitere Modelle sind bekannt). Für meinen oben genannten Artikel, in dem es um die Idee des Wert-Prinzips ging, wählte ich bewusst das Funktionsmodell ohne „+“- und „-“-Aspekte, da es sich in der praktischen Arbeit bewährt hat. Durch seine scheinbare Schlichtheit ist es für Patienten schnell verständlich und nachvollziehbar und es hilft, ein individuelles oder kommunikatives Problem zu identifizieren und zu beseitigen. Das Funktionsmodell mit „+” und „-” schien mir methodologisch nie richtig sauber zu sein. Im Gegenteil, es warf immer wieder Fragen auf:  

  • Wie lautet die Definition des Kritischen-Eltern-Ichs im Rahmen des Funktionsmodells mit „+” und „-“? Beschädigt das „+“ nicht gar den Begriff selbst und damit das ganze Modell?
  • Was ist genau der praktische Vorteil des Funktionsmodells mit „+“ und „-” im Vergleich zum ursprünglichen Funktionsmodell? 
  • Wenn jemand eine Kritik ausübt und damit eindeutig abwertend wirkt, aber behauptet, dass er es gut meint und aus dem „positiven Kritischen-Eltern-Ich“ handelt, beobachten wir dann nicht genau das, was wir in der Emotionalen Kompetenz unter Retter-Rolle und stroke economy verstehen? (Wohlgemerkt, eine konstruktive Kritik oder eine schützend-kontrollierende Handlung kann auch authentisch, d.h. Machtspiel-frei sein; wenn diese nämlich vom Nährenden-Eltern-Ich zusammen mit dem Erwachsenen-Ich ausgeübt wird.)
  • Ist es nicht unnötig verwirrend, positive und negative Aspekte den Konstrukten beizufügen, die per Definition bereits als eindeutig negativ und positiv konzipiert wurden? So eine „Verfeinerung“ widerspricht einem anerkannten wissenschaftlichen Prinzip – dem Prinzip der Parsimonie, bekannt als Ockhams Rasiermesser: Wenn ein Phänomen mit A, B und C zu erklären ist, ist es kontraproduktiv, auch noch D etc. dazu verwenden.

Aber auch wenn mir dieses Funktionsmodell nicht praktikabel erscheint – stimmt es, dass es den aktuellen Stand der TA-Theorie wiedergibt?

Bei Google hat mir die Suchanfrage „Transaktionsanalyse Funktionsmodell“ 1.240 Ergebnisse gebracht. In der Bilder-Suche bekam ich unter den Funktionsmodellen nur zwei mit „+“ und „-” angezeigt, der überwiegende Rest zeigte das von mir bevorzugte Funktionsmodell. 

Dann habe ich meine alten TA-Konspekte rausgesucht und durchgeschaut. Das Funktionsmodell mit „+“ und „-“ war von mir im Jahr 2003 skizziert worden, aber ohne weitere Erläuterung. 

Anschließend habe ich meine TA-Bibliothek durchgearbeitet – und das Modell mit „+“ und „-“ nicht gefunden. Ich habe Kontakt mit meiner alten TA-Lehrerin aufgenommen und sie gefragt, woher dieses Modell stamme. „Von Berne“, war ihre Antwort. Noch einmal habe ich Bernes Schriften durchgesehen – keine Spur davon zu finden. There must be a glitch in this Matrix, dachte ich. 

Dann habe ich endlich in dem klassischen Textbuch von von Stewart und Joines (sowohl in der englisch Erstausgabe von 1987 als auch in der russischen Übersetzung von 1996) die Zeile gefunden: „Some TA writers distinguish positive and negative subdivisions in each of these parts of the Parent.“, ohne Abbildung des Modells mit „+“ und „-“ – und ohne Urheberschaft.

In einer ITAA-Forum-Diskussion im Jahr 2010 hat Claude Steiner einen TA-Kollegen zu dem Modell die Frage gestellt: „By the way, what is the origin of the label: Positive Controlling Parent? Who first used it? How is it defined?“ Die Antwort kam von zwei TA Kollegen – von John Parr aus Großbritannien und von Steve Karpman – und lautet: das Modell stammt von Taibi Kahler, einem amerikanischen TA-ler (geb. 1943). Bingo.

Der Name Taibi Kahler ist mir seit Zeiten meiner TA-Ausbildung bekannt. In der organisatorischen TA, in dem Taibi Kahler tätig war, ist das Modell mit „+“ und „-“ möglicherweise ein brauchbares Modell, das soll hier nicht beurteilt werden. In der psychotherapeutischer Praxis hingegen ist die Argumentation von Claude Steiner methodologisch und praktisch am saubersten:

I have chosen, arbitrarily, to define the CP as opposed, and therefore harmful to love and cooperation, and that there is no possibility for the CP to be positive

To the argument that “Don’t touch that” as a child crawls to an electric wire is Positive CP, I say: that depends on the tone of voice and emotion of the statement.“

Das scheinbar „simplere“ Funktionsmodell befreit den psychotherapeutischen Prozess geradezu, es macht ihn „ermächtigend“. Es ist nämlich nicht nur wichtig, sondern notwendig, einen eindeutig ungewünschten intrapsychischen Konstrukt zu separieren und zu definieren – um ihn rechtzeitig zu reflektieren und um mit ihm bewusst anderes umgehen zu lernen. Dieses Introjekt – das Kritische-Eltern-Ich – ist die Quelle und der Verursacher aller Machtspiele, aller unserer unauthentischen Handlungen, aller Drama-Dreieck-Rollen und der entsprechenden Gefühle. Das Kritische-Eltern-Ich ist die „Verkörperung“ der stroke economy selbst – der Vorstellung, dass Liebe ein knappes Gut sei. Gegen diesem Glaubenssatz lernen wir gerade innerhalb Emotionaler Kompetenz nach Claude Steiner bewusst angemessen zu agieren.   

Wenn wir dieses Konstrukt nicht eindeutig definieren, schaffen wir selbst die Voraussetzungen für mögliche Missverständnisse und auch für einen Machtmissbrauch subtiler Art. Man kann behaupten, dass „Du bist OK und ich bin OK und ich fordere von Dir, dass Du mit drei Promille kein Auto mehr fährst“ aus dem kEl+ kommt. Eine andere Option ist, die Worte und den Ton zu finden, um sich authentisch und auf Augenhöhe auszudrücken – dafür braucht man das Nährende Eltern-Ich zusammen mit dem Erwachsenen-Ich, zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen um deine Sicherheit; triffst du eine richtige Entscheidung oder möchtest du, dass ich dir dabei helfe?“ 

Die schützende Haltung der Verantwortlichen ist in jeder Gruppentherapie notwendig, da es um individuelle Sicherheit geht. Wenn das Kritische-Eltern-Ich als Introjekt nicht erkannt bleibt, entstehen unvermeidbar Missinterpretationen, emotionale Übergriffe und Konflikte innerhalb der Kommunikation. Wenn ein Leiter, eine Leiterin selbst möglicherweise nicht schützend genug agiert und behauptet, dass er/sie aber aus dem „positiven Kritischen-Eltern-Ich“ handeln würde, dass es also so sein müsse … ist es tatsächlich nur antitherapeutisch und iatrogen.

Die klare Aufteilung des Eltern-Ichs auf nur zwei gegensätzliche Teile war für Steiner zentral: er hat sich dazu in seinen Schriften und in den Diskussionen mehrmals unzweideutig geäußert. Steiner war im bestem Sinne kompromisslos, was den Umgang mit dem Kritischen Eltern-Ich als der Quelle der stroke economy betrifft. Wenn wir gerade diese essentielle Sichtweise nicht übernehmen, steht die ganze Methode der Emotionalen Kompetenz auf wackligen Beinen – nicht kohärent genug, versehen mit einem inneren Widerspruch. Mit Claude Steiners Kompromisslosigkeit unterscheidet sich die Emotionale Kompetenz vorteilhaft von anderen psychotherapeutischen Methoden und Herangehensweisen.

Um hier weitere Klarheit zu schaffen, sollten meines Erachtens – und siehe dazu meinen oben angeführten Artikel – die Eltern-Ich-Teile neu benannt werden: in das „Wertschätzende Eltern-Ich“ und das „Abwertende Eltern-Ich“. In der elterlichen Haltung geht es vor allem um den individuellen Wert, dessen Bestätigung für jeden von uns ein Bedürfnis ist. Gerade eine Nichtbestätigung des individuellen Wertes („Du bist nicht OK“) verursacht ungesunde Anpassungsstrategien und Kompensationen, stroke economy, Machtspiele und Enttäuschungen.

Die Nachfrage nach Klarheit und Transparenz wird nicht nachlassen – das können wir im politisch-gesellschaftlichen Kontext beobachten und ich merke es deutlich an meinen „Millennials“-Patienten. Der Wunsch nach Kommunikation auf Augenhöhe, Wertschätzung und Kooperation wird immer präsenter. Der Nachkriegstrend der antiautoritären Erziehung hat etwas gebracht: die neuen Generationen gehen ohne Angst mit Autoritäten um und es ist für sie normal, eine wertschätzende Haltung zu erwarten. Das meinte Claude, als er sich noch Ende der 1960er als Feminist und Kämpfer gegen Patriarchat und Unterdrückung in jeder Form erklärt hat. Er war „traditionell“ erzogen, hatte sich aber aus seinem Wertschätzenden Eltern-Ich heraus erlaubt, etwas dagegen zu unternehmen.

Lena Kornyeyeva

LITERATUR

Berne, E. (1979). Struktur und Dynamik von Organisationen und Gruppen. München.

Berne, E. (2006). Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie. Eine systematische Individual- und Sozial-Psychiatrie. Paderborn.

ITAA-Forum. „Nurturing Parent – from Claude Steiner’s website“. Tread in the ITAA Yahoo-Group starting with 4.03.2010

Kornyeyeva, L. (2019). Zum Wert-Prinzip in der psychotherapeutischen Wortwahl. Report Psychologie, 1/2019, S. 23-24.

Steiner, C. (2009). The heart of The matter: Love, Information and Transactional Analysis. TA Press.

Stewart, I., Joines, V. (1987). TA Today. Lifespace Publishing, Kegworth, England.



Opfer, Retter, Verfolger. Rollen, die ihre Versprechen nicht einhalten können

Emotionale Kompetenz & TA Posted on Tue, December 11, 2018 22:56:19

Manchmal merkt man es nicht und schon ist es passiert: man fühlt sich unwohl in einer Kommunikation, wo man doch nur jemanden helfen wollte …

Das passiert, sobald man – unbewusst – die Ebene „Ich bin OK – Du bist OK“ (Erwachsener – Erwachsener) verlässt und entweder die Kommunikationsebene „Ich bin OK – Du bist nicht OK“ oder die Ebene „Ich bin nicht OK – Du bist OK“ einnimmt.

Der amerikanische Psychologe Stephen Karpman hat in seinem Dramadreieck die typische Entwicklung eines psychologischen Spiels beschrieben. Aus dem Bedürfnis nach der Selbstwertbestätigung unternehmen wir manchmal Handlungen, die zu einer Enttäuschung führen. Ein ehrliches und authentisches Verhalten ist das Gegenteil von einem psychologischen Spiel. In einer ehrlichen und authentischen Kommunikation sind uns eigene Bedürfnisse und Motive bewusst und werden daher erfüllt.

Um die Entwicklung eines psychologischen Spiels zu vermeiden, kann man rechtzeitig dessen Merkmale erkennen und bewusst spielfrei handeln. In diesem Memo sind die Merkmale anschaulich dargestellt; und auch die Antithesen sind es, die helfen die Handlung rollenfrei und authentisch zu gestalten:

 

Alle drei Glaubenssätze sind im Grunde Täuschungen oder gar (Selbst)Lügen. Denn in Wirklichkeit sind das nur Rollen und kein authentisches ehrliches Verhalten. In der Tat:

  • „der Verfolger“ hat kein Recht, etwas vorzuwerfen, er ist nur von Enttäuschung getrieben, da seine Erwartung an das „Opfer“ nicht erfüllt wurde
  • „der Retter“ rettet nicht(s) wirklich (häufig ist er unbewusst an der Hilflosigkeit des Opfers interessiert, da sein Profit in der Bestätigung seiner Position „Ich bin OK – Du bist nicht ОК“ besteht)
  • „das Opfer“ ist fähig, sich selbst zu helfen / oder es braucht keine Hilfe / oder es kann angemessen um Hilfe bitten. Angemessen um Unterstützung bitten bedeutet, dafür bewusst die Verantwortung zu übernehmen und eine Art Vertrag auf OK-OK Ebene zu schließen: „Du unterstützt mich so, wie ich es mir wünsche, ich erbringe dir eine Gegenleistung, die du dir wünschst“.

Stephen Karpman und Lena Kornyeyeva, Berlin 2017

Ein druckfähiges Memo-Blatt zu Karpmans Dramadreieck (1 Seite): 



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