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Doktor Lenas Blog

„Pig-Parent“ und Iatrogenie

Emotionale Kompetenz Posted on Thu, October 10, 2019 22:51:18

Eine Übertragung im psychoanalytischen Sinne kann in jeder psychotherapeutischen Gruppe vorkommen, auch in einer Weiterbildungsgruppe. Jeder – auch eine leitende fachkundige Person – ist vor allem ein Mensch. Einen entsprechenden Fall möchte ich hier betrachten.

Zu den Herausforderungen der Gruppenarbeit gehört die so genannte „Pig-Parent-Attacke“ – wenn ein Teilnehmer, ohne es selbst zu verwirklichen, Frustration und Ärger auf die leitende Person ablässt. Der Leiter oder die Leiterin ist in diesem Fall durch seine Art der Kommunikation nur Auslöser von alten, nicht oder nicht ganz verarbeiteten Gefühlen; die leitende Person bekommt die Reaktion ab, die einst dem eigentlichen Verursacher zugedacht war.

Unter einer „Pig-Parent-Attacke“ wird ein akuter Fall von Selbstabwertung verstanden (der Name ist vom „Pig-Parent“(1) hergeleitet – dem Kritischen Eltern-Ich, einem individuellen Introjekt, das eine abwertende und selbstdestruktive Haltung verkörpert). Nicht selten ist die Pig-Parent-Attacke auch nach außen gerichtet. Objekt kann eine nahestehende Person werden, die unbewusst mit ihrer Handlung ein altes Gefühl auslöst, zum Beispiel die Angst vor einer bestimmten Situation.

Um mit einem derartigen Fall therapeutisch angemessen umgehen zu können, benötigt man als leitende Person ein gut ausgeprägtes Wertschätzendes Eltern-Ich. Dieses ist die „Gegenmacht“ zum „Pig-Parent“. Ein Problem kann dann entstehen, wenn in der leitenden Person selbst eine Pig-Parent-Attacke ausgelöst wird — getriggert von der abwertenden Haltung des betroffenen Teilnehmers. Das sollte bei Psychotherapeuten nicht vorkommen, sie sind ausgebildet, um solche Situation bewältigen zu können. Doch auch Therapeuten sind vor allem Menschen. (2)

Entscheidend ist hier der Grad der Destruktivität des individuellen Pig-Parent-Introjekts. Wenn – subjektiv wahrgenommen – das Pig-Parent des Anderen potenziell machtvoller (noch destruktiver) scheint, kann es zu einer Art „Unterordnung“ kommen: der Betroffene versucht sich zu schützen, indem er dem „Machtvolleren“ nicht widerspricht, stattdessen ihn zu versöhnen versucht oder einer Diskussion aus dem Wege geht. Es ist kein rationales Verhalten, so manifestiert sich das so genannte Reptiliengehirn – der älteste und tiefste Teil unseres Gehirns, der in einer bedrohlichen oder gefährlichen Situation für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion zuständig ist.

Das „Pig-Parent“ verinnerlicht jeder von uns im Laufe der Sozialisation als Introjekt – von den individuell wirksamen Elternfiguren. Viele von uns sind für die destruktiven Botschaften des Pig-Parent empfänglich, wir glauben dieser „höheren“ Instanz: „Du bist nicht gut genug“, „Du schaffst das nicht“ usw. In dieser Form kann sich das „Pig-Parent“ auch bei einer Person, die eine therapeutische Gruppe leitet, manifestieren. Dann ist der Leiter oder die Leiterin sofort gefordert, die destruktiven Botschaften des Introjekts zu identifizieren und diese zu neutralisieren.

Wenn die leitende Person nicht verwirklicht, dass in ihr eine „untergeordnete“ Position zum destruktiven Pig-Parent des Gegenübers entstanden ist und sie nicht mehr die Macht des eigenen Wertschätzenden Eltern-Ichs verwendet, kann sie den Betroffenen und die Gruppe nicht stabilisieren. Für andere Teilnehmer kann es zudem negative Folgen haben: Sie können die Situation als unsicher empfinden. Hier gilt eine einfache Regel: Wenn man sich selbst nicht genug in Schutz nimmt, kann man auch Andere nicht in Schutz nehmen.

Der unbewusste Prozess der Unterordnung kann sich rasch entwickeln; manchmal zu schnell, um rational und angemessen zu reagieren. Je länger eine ungeklärte Situation andauert, um so mehr Unsicherheit entsteht in der Gruppe, desto unzufriedener können die Gruppenteilnehmer werden. Das kann einen iantogenen Effekt verursachen – die Erwartungen der Teilnehmer werden nicht erfüllt, die Teilnehmer sind verwirrt und unzufrieden, bei einigen kann es eine „rubber band“-Reaktion auslösen – eine Regression oder Retraumatisierung. Viele stellen in so einer Situation entweder die Methode oder die Kompetenz des Leiters in Frage, sie verlieren ihr Vertrauen oder sie sind enttäuscht oder verärgert.

In so einer Situation muss die Macht des Wertschätzenden Eltern-Ichs ausgeprägter und spürbarer sein als die destruktive Macht des Pig-Parent. Nur eine höhere Instanz (eine spürbar größere Macht) kann für die Beruhigung und Versöhnung des betroffenen Patienten sorgen. Gleichzeitig kann diese höhere Instanz an die anderen Gruppenteilnehmer die Botschaft senden, dass in der Gruppe keiner verletzt (abgewertet, ausgegrenzt) wird. Ein Wertschätzendes Eltern-Ich, dessen Macht größer ist als die Destruktivität des „Pig-Parent“, schafft es, dem Betroffenen zu helfen, das eigene Erwachsenen-Ich einzuschalten und sich wieder ins „hier uns jetzt“ zurück zu bringen.

Das „Pig-Parent“ ist hier die wahre Ursache des iatrogenen Effektes, der für die ganze Gruppe spürbar sein kann. Unter iatrogen versteht man in der Medizin eine vom Arzt verursachte negative Folge. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, einen möglichen iatrogenen Effekt zu vermeiden.

Um das zu leisten, benötig man auch eine klare Unterscheidung zwischen dem Wertschätzenden („nährenden“) Eltern-Ich und dem Abwertenden Eltern-Ich (dem „Pig-Parent“), das uns künstlich „kleiner“ und unfähiger macht als wir in Wirklichkeit sind. Denn wenn die Definition selbst nicht klar und die Grenze zwischen den Beiden nicht sicher ist, ist die Voraussetzung für Abwertungen, Verletzungen und Enttäuschungen gegeben.

Das ausgeprägte Wertschätzende Eltern-Ich ist auch die Grundlage für eine Wiedergutmachung: es bringt den Menschen in der Lage, für eigenes Verhalten Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel, in Form einer Bitte um Entschuldigung –– für die Unannehmlichkeiten, die er dem Leiter und den anderen Gruppenteilnehmern in dieser Situation bereitet hat. Der Gruppenleiter oder die Gruppenleiterin kann aus dem eigenen Wertschätzenden-Eltern-Ich die Bitte dann gerne erfüllen.

Lena Kornyeyeva

1) Da ich selbst in meiner Arbeit bewusst auf Abwertungen jeder Art verzichte, ersetze ich die Bezeichnung „Pig-Parent“ mit dem „Abwertenden Eltern-Ich“. Mehr dazu in dem Artikel „Zum Wert-Prinzip in der psychotherapeutischen Wortwahl“ (Report Psychologie, Januar 2019).

2) In diesem Sinne wäre auch der Weiterbildungsvertrag für den Zweck der emotionalen Stabilisierung vorübergehend zu pausieren und stattdessen wäre ein therapeutischer Vertrag zu schließen: so transliert der Therapeut seine schützende und bewusste Haltung (Wertschätzendes Eltern-Ich + Erwachsenen-Ich). Denn es ist nicht immer realistisch, in einer Weiterbildungsgruppe therapeutische Anteile zu vermeiden – Regressionen können immer passieren. Mit einer gut formulierten Intervention zum therapeutischen Vertrag kann der Leiter oder Leiterin das Erwachsenen-Ich des Betroffenen aktivieren. Das hilft die iatrogene Effekte möglichst fern zu halten.



Machtmissbrauch: Formen und Intensität

Emotionale Kompetenz Posted on Wed, September 04, 2019 01:09:33

Ein manipulatives Verhalten kann unterschiedliche Formen annehmen. Man kann einer Manipulation um so besser entgegen treten, je früher man sie bemerkt. Das betrifft insbesondere subtile Manipulationen.

Machtmissbrauch ist eine Handlung, die ein (nicht immer bewusstes) abwertendes, verletzendes Element beinhaltet und das Ziel hat, das Verhalten des Anderen zu seinem Nachteil zu beeinflussen. Psychische Gewalt, Machtspiele, Mobbing, Bullying und Schikane sind Namen des Missbrauchs unterschiedlicher Art.

Je „versteckter“ eine Manipulation ist, desto effektiver kann sie sein. Unter “Effekt” wird eine Beeinflussung der Emotionen und des Verhaltens des Objektes verstanden. Häufig auftretende Effekte sind eine subjektiv wahrgenommene Abwertung, die sich als Verletzung anfühlt.

Das Gegenteil eines Machtmissbrauchs ist eine gesunde Machtanwendung, z.B. jede Art kooperativen Verhaltens auf der Ebene „Ich bin OK – Du bist OK“ – wovon jeder Beteiligte profitiert.

Claude Steiner hat mit seinen Büchern einen wichtigen Beitrag zum Thema Machtspiele (power plays) vorgelegt. Aus seinem Buch “The heart of The matter: Love, Information and Transactional Analysis” habe ich den Machtspiele-Quadrant ins Deutsch übersetzt. Zweck ist, einen guten Überblick über die Machtspiele zu bekommen.

Den Quadranten habe ich um einige Ausprägungen – folgend Steiners “Emotionaler Kompetenz” – ergänzt, zum Beispiel mit “Gaslighting” und “Cloutlighting”. (Unter Gaslighting – oder Ambient Abuse – wird eine Form von psychischer Gewalt bzw. Machtmissbrauch verstanden, mit der das Objekt gezielt manipuliert, desorientiert und verunsichert wird. Der Realitätssinn und das Selbstbewusstsein der betroffenen Person werden allmählich in Frage gestellt und so zerstört. Cloutlighting ist eine Misch-Wortschöpfung, eine Kombination von Clout – engl. Einfluss oder Macht, insbesondere in Politik oder Wirtschaft – und der Endung von der Wertschöpfung Gaslighting. Unter dem Begriff wird eine Aktion verstanden, in der das Objekt zu einer emotionalen Reaktion provoziert wird, die aufzeichnet und danach in sozialen Netzwerken veröffentlicht wird. Die Öffentlichkeit verstärkt den gewünschten Effekt.)



Auf der Spur eines funktionierenden Funktionsmodells

Emotionale Kompetenz Posted on Mon, August 12, 2019 21:53:49

Nach der Veröffentlichung des Artikels „Zum Wert-Prinzip in der psychotherapeutischen Wortwahl“ (Report Psychologie, 1/2019) habe ich neben Lob auch die Rückmeldung bekommen, dass das gezeigte Modell nicht den aktuellen Stand der TA-Theorie wiedergäbe. Es ging um das Funktionsmodell der Ich-Zustände, das ich in meinem Artikel verwendet habe (siehe Grafik). 

Grafik: Funktionsmodell der Ich-Zustände

Der betreffende Kollege schrieb, dass in dem Modell schon „seit langem“ „plus“ und „minus“ unterschieden werden – also ein kEL-plus und ein kEL-minus, ein nEL-plus und ein nEL-minus. Er brachte folgendes Beispiel: Das kEL-plus sagt nicht „Du bist nicht Ok“ sondern “du bist OK und ich bin OK und ich fordere von dir, dass du mit drei Promille kein Auto mehr fährst.

Intuitiv konnte ich dem Kollegen nicht zustimmen. Das von ihm bevorzugte Modell schien mir schon immer in der Praxis nicht zu funktionieren. Und um den aktuellen Stand der TA-Theorie zu prüfen, habe ich mich auf die Suche begeben, deren Ergebnisse ich hier nun vorstelle.

Das von meinem Kollegen beschriebene Funktionsmodell mit „minus“ (-) und „plus“ (+) wurde während meiner TA-Ausbildung parallel zu dem von mir erwähnten Modell vorgestellt – als eines der Funktionsmodelle, die die Manifestationen der Ich-Zustände im aktuellen Denken und Verhalten darstellen (weitere Modelle sind bekannt). Für meinen oben genannten Artikel, in dem es um die Idee des Wert-Prinzips ging, wählte ich bewusst das Funktionsmodell ohne „+“- und „-“-Aspekte, da es sich in der praktischen Arbeit bewährt hat. Durch seine scheinbare Schlichtheit ist es für Patienten schnell verständlich und nachvollziehbar und es hilft, ein individuelles oder kommunikatives Problem zu identifizieren und zu beseitigen. Das Funktionsmodell mit „+” und „-” schien mir methodologisch nie richtig sauber zu sein. Im Gegenteil, es warf immer wieder Fragen auf:  

  • Wie lautet die Definition des Kritischen-Eltern-Ichs im Rahmen des Funktionsmodells mit „+” und „-“? Beschädigt das „+“ nicht gar den Begriff selbst und damit das ganze Modell?
  • Was ist genau der praktische Vorteil des Funktionsmodells mit „+“ und „-” im Vergleich zum ursprünglichen Funktionsmodell? 
  • Wenn jemand eine Kritik ausübt und damit eindeutig abwertend wirkt, aber behauptet, dass er es gut meint und aus dem „positiven Kritischen-Eltern-Ich“ handelt, beobachten wir dann nicht genau das, was wir in der Emotionalen Kompetenz unter Retter-Rolle und stroke economy verstehen? (Wohlgemerkt, eine konstruktive Kritik oder eine schützend-kontrollierende Handlung kann auch authentisch, d.h. Machtspiel-frei sein; wenn diese nämlich vom Nährenden-Eltern-Ich zusammen mit dem Erwachsenen-Ich ausgeübt wird.)
  • Ist es nicht unnötig verwirrend, positive und negative Aspekte den Konstrukten beizufügen, die per Definition bereits als eindeutig negativ und positiv konzipiert wurden? So eine „Verfeinerung“ widerspricht einem anerkannten wissenschaftlichen Prinzip – dem Prinzip der Parsimonie, bekannt als Ockhams Rasiermesser: Wenn ein Phänomen mit A, B und C zu erklären ist, ist es kontraproduktiv, auch noch D etc. dazu verwenden.

Aber auch wenn mir dieses Funktionsmodell nicht praktikabel erscheint – stimmt es, dass es den aktuellen Stand der TA-Theorie wiedergibt?

Bei Google hat mir die Suchanfrage „Transaktionsanalyse Funktionsmodell“ 1.240 Ergebnisse gebracht. In der Bilder-Suche bekam ich unter den Funktionsmodellen nur zwei mit „+“ und „-” angezeigt, der überwiegende Rest zeigte das von mir bevorzugte Funktionsmodell. 

Dann habe ich meine alten TA-Konspekte rausgesucht und durchgeschaut. Das Funktionsmodell mit „+“ und „-“ war von mir im Jahr 2003 skizziert worden, aber ohne weitere Erläuterung. 

Anschließend habe ich meine TA-Bibliothek durchgearbeitet – und das Modell mit „+“ und „-“ nicht gefunden. Ich habe Kontakt mit meiner alten TA-Lehrerin aufgenommen und sie gefragt, woher dieses Modell stamme. „Von Berne“, war ihre Antwort. Noch einmal habe ich Bernes Schriften durchgesehen – keine Spur davon zu finden. There must be a glitch in this Matrix, dachte ich. 

Dann habe ich endlich in dem klassischen Textbuch von von Stewart und Joines (sowohl in der englisch Erstausgabe von 1987 als auch in der russischen Übersetzung von 1996) die Zeile gefunden: „Some TA writers distinguish positive and negative subdivisions in each of these parts of the Parent.“, ohne Abbildung des Modells mit „+“ und „-“ – und ohne Urheberschaft.

In einer ITAA-Forum-Diskussion im Jahr 2010 hat Claude Steiner einen TA-Kollegen zu dem Modell die Frage gestellt: „By the way, what is the origin of the label: Positive Controlling Parent? Who first used it? How is it defined?“ Die Antwort kam von zwei TA Kollegen – von John Parr aus Großbritannien und von Steve Karpman – und lautet: das Modell stammt von Taibi Kahler, einem amerikanischen TA-ler (geb. 1943). Bingo.

Der Name Taibi Kahler ist mir seit Zeiten meiner TA-Ausbildung bekannt. In der organisatorischen TA, in dem Taibi Kahler tätig war, ist das Modell mit „+“ und „-“ möglicherweise ein brauchbares Modell, das soll hier nicht beurteilt werden. In der psychotherapeutischer Praxis hingegen ist die Argumentation von Claude Steiner methodologisch und praktisch am saubersten:

I have chosen, arbitrarily, to define the CP as opposed, and therefore harmful to love and cooperation, and that there is no possibility for the CP to be positive

To the argument that “Don’t touch that” as a child crawls to an electric wire is Positive CP, I say: that depends on the tone of voice and emotion of the statement.“

Das scheinbar „simplere“ Funktionsmodell befreit den psychotherapeutischen Prozess geradezu, es macht ihn „ermächtigend“. Es ist nämlich nicht nur wichtig, sondern notwendig, einen eindeutig ungewünschten intrapsychischen Konstrukt zu separieren und zu definieren – um ihn rechtzeitig zu reflektieren und um mit ihm bewusst anderes umgehen zu lernen. Dieses Introjekt – das Kritische-Eltern-Ich – ist die Quelle und der Verursacher aller Machtspiele, aller unserer unauthentischen Handlungen, aller Drama-Dreieck-Rollen und der entsprechenden Gefühle. Das Kritische-Eltern-Ich ist die „Verkörperung“ der stroke economy selbst – der Vorstellung, dass Liebe ein knappes Gut sei. Gegen diesem Glaubenssatz lernen wir gerade innerhalb Emotionaler Kompetenz nach Claude Steiner bewusst angemessen zu agieren.   

Wenn wir dieses Konstrukt nicht eindeutig definieren, schaffen wir selbst die Voraussetzungen für mögliche Missverständnisse und auch für einen Machtmissbrauch subtiler Art. Man kann behaupten, dass „Du bist OK und ich bin OK und ich fordere von Dir, dass Du mit drei Promille kein Auto mehr fährst“ aus dem kEl+ kommt. Eine andere Option ist, die Worte und den Ton zu finden, um sich authentisch und auf Augenhöhe auszudrücken – dafür braucht man das Nährende Eltern-Ich zusammen mit dem Erwachsenen-Ich, zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen um deine Sicherheit; triffst du eine richtige Entscheidung oder möchtest du, dass ich dir dabei helfe?“ 

Die schützende Haltung der Verantwortlichen ist in jeder Gruppentherapie notwendig, da es um individuelle Sicherheit geht. Wenn das Kritische-Eltern-Ich als Introjekt nicht erkannt bleibt, entstehen unvermeidbar Missinterpretationen, emotionale Übergriffe und Konflikte innerhalb der Kommunikation. Wenn ein Leiter, eine Leiterin selbst möglicherweise nicht schützend genug agiert und behauptet, dass er/sie aber aus dem „positiven Kritischen-Eltern-Ich“ handeln würde, dass es also so sein müsse … ist es tatsächlich nur antitherapeutisch und iatrogen.

Die klare Aufteilung des Eltern-Ichs auf nur zwei gegensätzliche Teile war für Steiner zentral: er hat sich dazu in seinen Schriften und in den Diskussionen mehrmals unzweideutig geäußert. Steiner war im bestem Sinne kompromisslos, was den Umgang mit dem Kritischen Eltern-Ich als der Quelle der stroke economy betrifft. Wenn wir gerade diese essentielle Sichtweise nicht übernehmen, steht die ganze Methode der Emotionalen Kompetenz auf wackligen Beinen – nicht kohärent genug, versehen mit einem inneren Widerspruch. Mit Claude Steiners Kompromisslosigkeit unterscheidet sich die Emotionale Kompetenz vorteilhaft von anderen psychotherapeutischen Methoden und Herangehensweisen.

Um hier weitere Klarheit zu schaffen, sollten meines Erachtens – und siehe dazu meinen oben angeführten Artikel – die Eltern-Ich-Teile neu benannt werden: in das „Wertschätzende Eltern-Ich“ und das „Abwertende Eltern-Ich“. In der elterlichen Haltung geht es vor allem um den individuellen Wert, dessen Bestätigung für jeden von uns ein Bedürfnis ist. Gerade eine Nichtbestätigung des individuellen Wertes („Du bist nicht OK“) verursacht ungesunde Anpassungsstrategien und Kompensationen, stroke economy, Machtspiele und Enttäuschungen.

Die Nachfrage nach Klarheit und Transparenz wird nicht nachlassen – das können wir im politisch-gesellschaftlichen Kontext beobachten und ich merke es deutlich an meinen „Millennials“-Patienten. Der Wunsch nach Kommunikation auf Augenhöhe, Wertschätzung und Kooperation wird immer präsenter. Der Nachkriegstrend der antiautoritären Erziehung hat etwas gebracht: die neuen Generationen gehen ohne Angst mit Autoritäten um und es ist für sie normal, eine wertschätzende Haltung zu erwarten. Das meinte Claude, als er sich noch Ende der 1960er als Feminist und Kämpfer gegen Patriarchat und Unterdrückung in jeder Form erklärt hat. Er war „traditionell“ erzogen, hatte sich aber aus seinem Wertschätzenden Eltern-Ich heraus erlaubt, etwas dagegen zu unternehmen.

Lena Kornyeyeva

LITERATUR

Berne, E. (1979). Struktur und Dynamik von Organisationen und Gruppen. München.

Berne, E. (2006). Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie. Eine systematische Individual- und Sozial-Psychiatrie. Paderborn.

ITAA-Forum. „Nurturing Parent – from Claude Steiner’s website“. Tread in the ITAA Yahoo-Group starting with 4.03.2010

Kornyeyeva, L. (2019). Zum Wert-Prinzip in der psychotherapeutischen Wortwahl. Report Psychologie, 1/2019, S. 23-24.

Steiner, C. (2009). The heart of The matter: Love, Information and Transactional Analysis. TA Press.

Stewart, I., Joines, V. (1987). TA Today. Lifespace Publishing, Kegworth, England.



Emotionale Kompetenz nach Claude Steiner – kurze Einführung

Emotionale Kompetenz Posted on Sun, May 21, 2017 18:23:36

Eine 4-seitige Druckversion:

Emotionale Kompetenz? Das klingt einfach, so als ob jeder diese beherrscht. Doch in der modernen Zeit ist gerade die emotionale Kompetenz oder das Wissen, wie man mit seinen Gefühlen umgeht, vernachlässigt worden. Diesen Mangel an emotionaler Kompetenz, der sich in Burn-Out-Syndromen, Depressionen oder auch Beziehungskrisen äußert, will die psychologische Methode der „Emotionalen Kompetenz“ (EK) angehen und, wenn möglich, heilen.

Man kann die Methode als eine Erweiterung der Transaktionsanalyse betrachten. Der Transaktionsanalytiker Claude Steiner (1935 in Paris geboren, 2017 in Kalifornien gestorben), ein Schüler und Mitarbeiter von Eric Berne, hat die Methode der Emotionalen Kompetenz seit Anfang der 1970er Jahre ausgearbeitet. Emotionale Kompetenz (emotional literacy) wird von Psychologen, Psychotherapeuten, Pädagogen und generell von denjenigen Menschen geschätzt und erfolgreich angewandt, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigen und diese verbessern möchten. Vor allem Claude Steiner hat Bücher zur EK geschrieben, die heute vielen als Anleitung dienen. Zertifizierte Trainer und Teacher praktizieren die Methode in Deutschland und verbreiten diese über eigene Veröffentlichungen.

Emotionale Kompetenz hat das Ziel, das natürliche Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung zu erfüllen. Emotionale Kompetenz ist die Fertigkeit, mit eigenen Gefühlen angemessen umgehen zu können und die Gefühle des Gegenübers zu verstehen; um eine erfüllende, also nicht manipulative Beziehung (Kommunikation) zu führen und Liebe zu erleben. Die Methode hilft, da gewünschte Klarheit zu schaffen, wo eine Beziehung oder eine Kommunikation schwierig, unangenehm und/oder verwirrend geworden ist.

In jeder noch so kleinen Kommunikation geben und nehmen wir Streicheleinheiten oder „Strokes“ – so der englische Begriff. Strokes sind die Einheiten der zwischenmenschlichen Anerkennung und Zuwendung, sie sind Signale, dass ein Anderer uns wahrgenommen hat. Strokes können verbal und nonverbal sein – ein Blick kann vielsagender als mehrere Worte sein. Zu den nonverbalen Strokes gehören auch die körperlichen Zuwendungen jeglicher Form (Berührungen, Umarmungen, Küsse usw.). Strokes können auf uns positiv, aber auch negativ wirken; das heißt, ein gleicher Stroke kann gewünscht oder ungewünscht sein – je nach der individuellen Wahrnehmung und aufbauend auf individuellen Erfahrungen. Es gibt die so genannten „plastic Strokes“ oder unehrlichen Strokes, die ein verstecktes eigennütziges Ziel (materieller oder emotionaler Art) verfolgen. Vergleichende Strokes können unangenehm wirken, weil sie zweideutig sind und ein abwertendes Element beinhalten, beispielsweise „heute siehst du besser aus“.

Strokes stillen unseren so genannten strukturellen Hunger – unser Bedürfnis nach Anerkennung. Während der körperliche Hunger dazu führt, dass wir uns ernähren, dient der strukturelle Hunger der Bestätigung unserer psychischen Existenz. Geliebt zu sein macht glücklich; Gleichgültigkeit hingegen wird als Bestrafung wahrgenommen. Kinder benötigen die Bestätigung, dass sie erwünscht und geliebt werden. Es ist bewiesen, dass die individuelle Entwicklung dadurch beeinträchtigt sein kann, dass ein Kind keine ausreichende oder nur negative Zuwendung von den Elternfiguren bekommt. Doch auch Erwachsene benötigen Anerkennung. Die Formen der Wertschätzung und der Anerkennung sind in unserer Wahrnehmung eine Art Währung, mit der unser menschlicher Wert aufgewogen wird.

Steiner hat beobachtet, dass Menschen, die Anerkennung benötigen, oft selbst viel zu sparsam mit Strokes umgehen – sie geben da keine gewünschten Strokes, wo diese erbeten werden und sie nehmen keine Strokes, obwohl sie sich danach sehnen. Diese Menschen haben oft Schwierigkeiten, das verdiente Lob anzunehmen, sie fühlen sich unwohl, sobald sie „im Mittelpunkt“ stehen. Steiner hat diese Neigung als „stroke economy“ (im Deutschen als „Verknappungslehre“ bezeichnet) beschrieben, was so viel heißt, mit Liebe wie mit einem knappen Gut umzugehen. Menschen lassen sich in die stroke economy hineinziehen, da für sie eine knappe Zuwendung besser als gar keine ist.

Stroke economy manifestiert sich in fünf Aspekten: Man gibt den Anderen gar keine oder nur wenige gewünschte Strokes; man nimmt die gewünschten Strokes von den Anderen nicht an, wertet sie hingegen ab; man kann gewünschte Strokes nicht einfordern, wie z.B. um Unterstützung oder Hilfe bitten; man kann ungewünschte Strokes nicht ablehnen, man nimmt sich also nicht in Schutz; und man billigt sich keine Anerkennung zu, auch wenn man diese verdient hat. Der zu sparsame Umgang mit Zuwendung, der unsere natürlichen Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Zuwendung unerfüllt lässt, führt zu einem emotionalen „Austrocknen“, zu Verkümmerung einer Beziehung. Depression, die Steiner als Zuwendungsmangelkrankheit verstanden hat, ist eine Folge der mangelnden Fähigkeit, Liebe zu geben, zu nehmen und zu erleben – damit ist auch die Selbstliebe gemeint. Manipulatives Verhalten im Rahmen der stroke economy, das Menschen unglücklich macht, basiert auf der Befürchtung „leer auszugehen“; für uns ist Anerkennung derart wichtig, dass uns sogar die „schlechten“, sprich ungewünschten Strokes lieber sind als gar keine.

Strokes erwecken in uns Gefühle und Emotionen. Eine echte Zuwendung macht Freude, eine Ablehnung wirkt verletzend oder sogar vernichtend. Gefühle zu erkennen und zu benennen ist ein wichtiges Bestandteil der EK, da wir während der Sozialisation verinnerlicht haben, eigene Gefühle zu unterdrücken, zu tabuisieren, zu verdrängen und ihre Rolle und Funktion nicht richtig wahr zu nehmen: Gefühle haben die Aufgabe, uns zu signalisieren, ob unsere natürlichen Bedürfnisse erfüllt werden. Zudem sind Menschen von ihrer Natur her unterschiedlich einfühlend, so dass allein dadurch Missverständnisse und Konflikte entstehen. Eine bewusst erworbene Kompetenz zu den eigenen Gefühlen und zu den Gefühlen der Anderen hilft, Konflikte zu vermeiden und zu lösen.

Selbstzweifel bis Selbstverachtung, die Neigung, es „allen Recht zu machen“ und eigene Bedürfnisse weniger als diejenigen der Anderen zu berücksichtigen, Angst vor Ablehnung, mangelnder Selbstwert und mangelndes Selbstvertrauen, unzureichende Fähigkeit, sich in Schutz zu nehmen … all das sind Manifestationen des psychischen Introjekts (der verinnerlichten Vorstellung) „Kritische Eltern“. Kritische Eltern spielen als Ich-Zustand in unserer Psyche eine wichtige Rolle und beeinflussen unsere Beziehungen mit den Anderen stark. Dieses Introjekt ist ein Teil unserer gespeicherten Erfahrung mit den Elternfiguren, der abwertende Denk- und Verhaltensmuster beinhaltet. Die Kritischen Eltern äußern sich in unterschiedlichen Variationen der Botschaft „Du bist nicht OK“ („Du schafft das nicht“, „Du bist nicht gut genug“ usw.). Als Kinder konnten wir die Angemessenheit dieser abwertenden Haltung nicht in Frage stellen; wir waren von den Elternfiguren existentiell abhängig. Das führte aber dazu, dass eine abwertende Haltung als Normalität und Notwendigkeit empfunden und sogar entschuldigt wurde und wird. Kritische Eltern sorgen für persönliche Schwäche, keineswegs für notwendige Sicherheit (das tut hingegen das wertschätzende fürsorgliche Introjekt „Nährende Eltern“), sie verfolgen nur das Ziel, uns abhängiger, unfähiger, schwächer, steuerbarer und manipulierbarer zu machen. Die destruktive Macht der Kritischen Eltern ist auf einer Lüge aufgebaut – dass Menschen nicht den gleichen Wert haben; dass diejenigen, die mehr Macht haben, wertvoller sind (da sie sich nicht mehr in einer „Underdog-Position“ befinden). Menschen, die einer derartigen „Entmachtung“ in ihrer Kindheit ausgesetzt waren, legen als Erwachsene Wert auf eine Position, die ihnen Macht über Andere vermittelt. Die Infragestellung unseres Wertes durch Kritische Eltern kann uns von der Anerkennung durch die Anderen emotional abhängig machen; da wenn man sich selbst nicht wertvoll fühlt, hofft man auf eine Bestätigung „von außen“. Der subjektiv wahrgenommene menschliche Wert ist in unserer Wahrnehmung von dem Grad des „Geliebt-seins“ abhängig. Dieses Phänomen verleiht denjenigen Macht, der als Quelle der Liebe und Anerkennung gesehen wird.

Das Training der Emotionalen Kompetenz zeigt, wie man dem Introjekt Kritische Eltern bewusster umgehen kann. Es verdeutlicht zudem, dass Beziehungen nicht auf der stroke economy aufbauen, sondern auf Liebe und Vertrauen.

Kritische Eltern „verkleinern“ uns mit Hilfe von psychologischen Machtspielen. Ein Machtspiel ist eine manipulative Transaktion oder eine Serie manipulativer Transaktionen, die einen Gegenüber zu einer Handlung bewegen sollen; somit ist ein Machtspiel eine Kommunikation, in der eine Seite als „Gewinner“ dasteht. Zweck eines Machtspieles ist, eine Ressource (Anerkennung, Liebe, Information, Zeit etc.) für den „Gegenüber“ nicht verfügbar zu machen und dadurch den Gegenüber zu „entmachten“. Die Kommunikation, in der beide Seiten sich als Gewinner sehen, ist hingegen eine Kooperation – beide sind und erleben sich gleichwertig, sie haben die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen, sie handeln frei und bewusst im eigenen Interesse und sind damit zufrieden.

Ein Machtspiel kann Profite emotionaler Art erzeugen – ein Mensch sieht sich überlegen und bestätigt, wenn er einen anderen ausnutzt, ihn „über den Tisch zieht“. Machtspiele können auch sehr subtil geraten. Intransparenz, Halbwahrheiten, Lügen, Verheimlichungen (der Bedürfnisse), Ausgrenzungen, (unvorteilhafte) Vergleiche mit den Anderen, subtile oder offene Übergriffe (verbale oder nonverbale), die unangenehme Gefühle erzeugen – das sind Voraussetzungen und gleichzeitig die Bestandteile der Machtspiele. Sie zu erkennen und auf sie anderes (stressfreier und konfliktfreier) reagieren zu können, lernt man mit der EK.

Wichtiger Teil eines Trainings der Emotionalen Kompetenz ist der „kooperative Vertrag“, den jeder Teilnehmer des Trainings freiwillig eingeht. Mit dem kooperativen Vertrag erklärt man sich freiwillig bereit, auf jede Form der Machtspiele zu verzichten, das heißt, keine Lügen, keine Verheimlichungen (der eigenen Bedürfnisse), keine Rettungen und keine Opferrollen. Eine Rettung geschieht dann, wenn man etwas macht, was er nicht will oder mehr macht, als sein angemessener Anteil wäre; man wertet dabei seine Bedürfnisse ab und auch die Fähigkeit(en) des Anderen ohne seine Mitbeteiligung klar zu kommen. Die Opferrolle ist auch eine Manifestation der Abwertung – man wertet seine eigenen Fähigkeiten und Optionen ab und „lädt“ jemanden zu einem Machtspiel „ein“. Unter dem kooperativen Vertrag bleibt man ehrlich zu sich selbst und zu Anderen und zwingt sich nicht etwas zu machen, was man nicht will. Vor jeder Äußerung von Gefühlen, Intuitionen, Anerkennung oder Wiedergutmachung wird um Erlaubnis gefragt. Der kooperative Vertrag schafft die notwendige Sicherheit – Voraussetzung für die Entmachtung der Kritischen Eltern. Die Verantwortung, die jeder bewusst für sein Verhalten übernimmt und trägt, wirkt zudem als eine Gegenmacht den Kritischen Eltern gegenüber. Ein Bestandteil des kooperativen Vertrages ist, die Bedürfnisse des Anderen zu erfragen und zu berücksichtigen und z.B. ein „nein“ zu akzeptieren.

Ungeprüfte Phantasien“ machen menschliche Beziehungen oft schwieriger und unangenehmer als sie sein könnten. Manchmal handeln wir nur nach unserer subjektiven Wahrnehmung. Einen düsteren Gesichtsausdruck kann man als eine Abweisung, einen Vorwurf interpretieren. Man empfindet den Gesichtsausdruck womöglich als eine „logische“ Fortsetzung eines eigenen schlechten Gewissens, weil man vielleicht vorher eine Bitte nicht erfüllen konnte. Der wahre Grund des düsteren Blickes hatte damit aber nichts zu tun. Eine derartige Phantasie entfaltet sich rasend schnell und hat mit den Kritischen Eltern zu tun („Ich bin schuld, dass sie mich so grimmig anguckt“). Wenn eine Phantasie nicht geprüft wird, kann sie zu einem Konflikt oder zu einer Eskalation eines latenten Konfliktes führen; oder zu einer emotionalen Distanz und Abkühlung der Beziehung. Emotionen spielen hier eine wesentliche Rolle – sie können sehr intensiv sein und werden von den Phantasien ausgelöst, sie werden häufig mir einer ähnlich-empfundenen Erfahrung verwechselt und verursachen so nur noch mehr Verwirrungen und (gegenseitige) Unzufriedenheit. Phantasien und Wahrnehmungen zu prüfen ist ein Teil des Trainings; es wird in dem durch den kooperativen Vertrag geschaffenen sicheren Raum ehrlich und offen über die intuitiven Wahrnehmungen geredet, um Missverständnisse zu beseitigen und um die stroke economy mit dem freien Austausch von Zuwendung zu ersetzen.

Das Training der Emotionalen Kompetenz besteht aus drei Schritten:

1. „Herz öffnen“. Man lernt, nicht nach der stroke economy zu handeln, sondern nach dem tatsächlichen Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung. Man erlaubt sich, Strokes zu geben, gewünschte Strokes zu nehmen, um gewünschte Strokes zu bitten, ungewünschte Strokes abzuweisen und sich selbst gewünschte Strokes zu geben. Dieser Teil des Trainings, auch im abgesicherten Raum des kooperativen Vertrages, erfordert Mut und Ehrlichkeit: es ist nicht immer einfach, gegen die verinnerlichten abwertenden Muster der Kritischen Eltern anzugehen und das eigene Herz durch den Austausch der Strokes zu öffnen. Abwertende Botschaften der Kritischen Eltern – „nimm dich nicht so wichtig“, „du hast das nicht verdient“ usw. – können eine intensive emotionale Reaktion hervorrufen. Man lernt, die veralteten Botschaften der Kritischen Eltern zu identifizieren und damit die negative Macht des Introjektes zu neutralisieren.

2. Gefühlslandschaft erkunden. „Als du meine E-Mail nicht beantwortet hast, habe ich mich traurig gefühlt“: Man lernt die durch Handlungen ausgelösten Gefühle zu identifizieren und sie dem Gegenüber angemessen mitzuteilen. Traurigkeit, Ärger, Angst und Freude sollen mit Namen genannt werden; um das gegenseitige Verständnis zu ermöglichen, kann man auch die Stärke des Gefühls benennen (beispielsweise auf einer Skala von 1 bis 10). So schafft man Klarheit und entmachtet eine mögliche Manipulation, beugt einer Eskalation vor, verhindert eine gegenseitige Unzufriedenheit. Phantasien prüfen gehört ebenfalls zum Erkunden der Gefühlslandschaften – wie: „Als du mich so angeschaut hast, habe ich Phantasie gehabt, dass du dich über mich ärgerst“. Die Aufgabe des Anderen ist die ehrliche Überprüfung der Phantasie und den Teil zu benennen, der stimmt („Körnchen Wahrheit“). Eine Äußerung der subjektiven Wahrnehmung ohne Urteile und Beschuldigungen beseitigt Missverständnisse und ermöglicht einen ehrlichen und wertschätzenden Umgang mit den eigenen Bedürfnissen und auch mit den Bedürfnissen der Anderen. Es schärft die Intuition als Fähigkeit und trägt zu einer vertrauensvollen Beziehung bei.

3. Verantwortung übernehmen – für die Emotionen, die wir mit unserem Verhalten bei Anderen auslösen. Wir alle machen Fehler, weil wir Menschen sind. Um Entschuldigung zu bitten hat nicht jeder in seiner Kindheit gelernt. Machtspiele beinhalten immer ein Element der Gewalt – sich nicht zu entschuldigen bedeutet, die Gefühle des Anderen zu verletzen und diesen emotional „hängen zu lassen“, als ob dieser „nicht wichtig“ ist. Eine ehrliche Bitte um Entschuldigung ist immer ein Ausdruck der Wertschätzung, da sie eine Botschaft beinhaltet: „Ich schätze dich und möchte deine Zuneigung nicht verlieren, deswegen möchte ich alles wieder gut machen“. Eine Verletzung kann auch so tief und schmerzvoll sein, dass der, der um Entschuldigung gebeten wurde, noch nicht bereit ist, die Entschuldigung zu geben; er darf dann mehr Zeit in Anspruch nehmen. Man hat auch die Freiheit, die Entschuldigung zurückzuweisen – es gibt Verletzungen, die nicht zu verzeihen sind. Alle Interaktionen müssen nach dem Prinzip des kooperativen Vertrages gestaltet werden: keine Verheimlichungen, keine Lügen, keine Retter- oder Opferrollen.

Emotionale Kompetenz ist eine präzise erarbeitete und wirksame Methode, mit deren Hilfe man Veränderungen bei sich selbst und in der Kommunikation mit anderen herbeiführen kann. Zu den Anwendungsgebieten gehören Psychotherapie, Paarberatung, Pädagogik, Beratung, Coaching, Teamentwicklung und Supervision. Dank der Emotionalen Kompetenz können Menschen liebevoller mit sich selbst und mit Anderen umgehen lernen.

© Lena Kornyeyeva

Veröffentlicht: Kornyeyeva, L. (2017). Emotionale Kompetenz nach Claude Steiner: Eine kurze Einführung, in: Liebe ist die Antwort. Beiträge aus Psychotherapie, Pädagogischer Psychologie, Familienpsychologie, Wirtschaftspsychologie, Sozialpsychologie. Deutscher Psychologen Verlag, Berlin.



Claude Steiner – Liebe ist die Antwort (Nachruf)

Emotionale Kompetenz Posted on Thu, March 23, 2017 19:47:40

Für viele Menschen war er ein Lehrer, ein Freund, eine Autorität. Der Psychologe Claude Steiner starb am 9. Januar 2017 im Alter von 82 Jahren auf seiner Ranch in Kalifornien. Als ich ihn auch persönlich kennen lernen durfte, wirkte er auf mich fast wie ein weiser Buddha. Aber ein Guru war er nicht – er hatte nie den Anspruch, Anderen eine Meinung vorgeben zu wollen. Stattdessen legte er immer größten Wert auf die Autonomie und die Freiheit des Einzelnen.

Sein Beitrag zur Theorie und Praxis der Psychotherapie waren die Script-Analyse und die Script-Matrix, die er im Rahmen der transaktionsanalytischen Methodologie geleistet hat. Seine Herangehensweisen helfen, das unbewusste Szenario oder „Drehbuch“ eines Lebens zu erkennen, um es bewusst dann zum positiven verändern zu können. Vor allem hatte sich Steiner mit der Liebe befasst. Seine Enttarnung der so genannten „stroke economy“ (der Neigung, mit Liebe und Anerkennung unnötig sparsam und manipulativ umzugehen) klärt die wahren Ursachen vieler menschlichen Beziehungsprobleme. Die von ihm entwickelte Methode der Emotionalen Kompetenz (emotional literacy) hilft, die gewünschten Wertschätzung und Anerkennung in einer Beziehung zu erlangen – die eigenen Emotionen und Gefühle und diejenigen des Partners zu verstehen und mit diesen gut umzugehen.

Claude Steiner war in einer Macho-Kultur aufgewachsen, in einer Generation, in der Gefühle kein Thema, sogar ein Tabu waren. Auch in der Psychotherapie der 1960er und 1970er Jahre ging es kaum um die Emotionen und deren Bedeutung, sondern um die kognitiven Herangehensweisen und Verhaltensmuster, die womöglich zu korrigieren waren. Claude sah die stroke economy nicht nur in dem gruppentherapeutischen, sondern auch in dem breiteren gesellschaftlichen Kontext mit politischen Implikationen. Dazu hat er viel geschrieben und damit ins Verständnis der Macht und ihrer Entstehung in den menschlichen Beziehungen beigetragen.

Seine Hervorhebung der Gefühle und Emotionen für die psychotherapeutische Arbeit stand damals dem Mainstream entgegen. Anfang der 1970er Jahre hatte Steiner beobachtet, wie gerade der sparsame Umgang mit Liebe und Zuwendung die Menschen unglücklich machte und unerwünschte Gefühle verursachte. Steiner hielt dem einen liebevollen Umgang entgegen – einen liebevollen Umgang mit den anderen aber auch mit sich selbst. Sein Ziel war, eine gesunde Autonomie zu erreichen, statt in die Abhängigkeiten zu verfallen, Liebe zu geben und zu nehmen, statt sich auf Machtspiele einzulassen. Ein authentisches und zufriedenes Leben zu leben war für Steiner nicht die Frage des Schicksals, es war für ihn die Frage einer individuellen Entscheidung, Glück – ein Zustand, den man bewusst erreichen kann.

Das Verständnis der Depression als Zuwendungsmangelkrankheit gehört ebenfalls zu Steiners Beiträgen zur Psychotherapie. Das natürliche Bedürfnis nach Liebe, mit dem wir alle zur Welt kommen, hatte für ihn eine zentrale Bedeutung. Man kann eine Depression nicht verstehen und heilen, wenn man dieses menschliche Bedürfnis nicht berücksichtigt oder als unbedeutend einschätzt. Den freien und freiwilligen Austausch von Liebe und Zuwendung zu ermöglichen – ohne falsche Sparsamkeit – war für Steiner der Zweck der Psychotherapie; das macht den Menschen und seine Beziehungen gesünder, freier und zufriedener. Das „Herz öffnen“ (so nannte er diesen Vorgang) bedeutete für ihn zu lernen, wie die gewünschten Anerkennungseinheiten anzunehmen und von den Anderen einzufordern (darum bitten) sind, bedeutete für ihn auch, die ungewünschten Zuwendungen nicht anzunehmen (sich in Schutz nehmen), den Anderen die von ihm gewünschten zu geben und sich darüber hinaus mit sich selbst wertschätzend zu verhalten. Alles sollte ehrlich, freiwillig, ohne Lügen und ohne Selbstbetrug geschehen – dafür sorgt der kooperative Vertrag unter allen Mitbeteiligten, auch eine wichtige Erarbeitung von Claude.

Die Vorstellung von der Liebe als knappes Gut („wenn wir Liebe geben, bleibt uns weniger zurück“) ist nach Steiner nichts anderes als eine Lüge und ein Selbstbetrug. Die stroke economy ist eine unbewusste Übertragung der wirtschaftlichen Gesetze auf eine Liebesbeziehung, die der Realität nicht entspricht. Umgekehrt wird auch in der Wirtschaft Kooperation immer besser funktionieren als eine Konkurrenz und Kampf um die Güter. Insofern ist Claude Steiners Lehre universell, sie lässt sich in vielen Lebensbereichen erfolgreich anwenden. Im Rahmen der „Stroke City“ (Stadt der Streicheleinheiten – ein Labor der Emotionalen Kompetenz) in Berkeley, wo er im Radical Psychiatry Center tätig war, konnte er seine Methode immer weiter entwickeln und präzisieren, so dass sie inzwischen ein effektives Instrumentarium bildet.

Kein Hokuspokus, völlige Transparenz und Kommunikation mit den Patienten auf Augenhöhe und in einer Sprache, die den Patienten völlig verständlich ist – dieses Prinzip hat Steiner von seinem Lehrer und Freund Eric Berne übernommen. Wie Berne sieht er jeden Menschen von der Geburt an als ausreichend befähigt, um mit seinen Lebensaufgaben und Herausforderungen erfolgreich umgehen zu können. Nur die äußeren Umstände – das in der Kindheit unbewusst „geschriebene“ Script, der durch die von außen verinnerlichten Abwertungen und Selbstabwertungen eine Persönlichkeit einschränkt und blockiert – machen die Menschen unfähiger, als sie sind.

Steiners Bücher, vor allem „The Other Side of Power“ (Grove Press, zuerst im 1981 veröffentlicht), in dem er die so genannten Machtspiele konzipierte und den Umgang mit denen erarbeitete, hatten mir als Studentin die notwendige Klarheit im Denken gegeben. Damals entwickelte ich die Idee meiner empirischen Forschung zum autoritären Charakter, der als eine endgültige Verkörperung der Machtspiele (Intransparenz und Ausbeutung) zu verstehen ist. Als ich Claude persönlich um Rat fragte, war er sofort bereit, der ukrainischen Doktorandin aus Kiew inhaltliche Unterstützung zu geben.

Steiners Arbeiten und seine Methode finden immer mehr Anerkennung und Verbreitung in Europa und weltweit. In einigen Ländern wird die Emotionale Kompetenz bereits von den zertifizierten Trainer gelehrt, so auch in Deutschland. Die Weggefährten Steiners tragen seine Ideen weiter, so auch in der Deutschen Gesellschaft für Emotionale Kompetenz.

Mit seiner langjährigen Arbeit hat Claude Steiner einen wesentlichen und vor allem praxistauglichen Beitrag zur Psychotherapie geleistet, er hat die Kraft der Liebe und Wertschätzung in die Wissenschaft eingeführt. „Ich habe nur meine Arbeit gemacht und versucht, niemanden damit zu schaden“, hat er mir in einem Gespräch vor Jahren in aller Bescheidenheit gesagt. „Love ist the answer“ – das waren seine letzten Worte.

Lena Kornyeyeva

Veröffentlicht in VPP aktuell (Verbandsorgan des Verbands Psychologischer Psychotherapeuten im BDP e.V. (VPP), Heft 36, März 2017
http://doktorlena.de/uebermich/liebeistdieantwort.html