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Doktor Lenas Blog

Der Elefant im Raum, der viel zu häufig unbeachtet bleibt

Single-Falle Posted on Sun, November 05, 2017 11:35:48

Jeder von uns wünscht sich eine glückliche Beziehung. Was unterscheidet diejenigen, denen es gelingt, eine glückliche Beziehung zu gestalten, von denen, die eine unglückliche führen? Zufall? Sind das die Gene? Ist es eine besondere Kunst, deren Geheimnis nicht jedem offenbart wurde?

In meiner praktischen Arbeit mit Paaren muss ich immer wieder feststellen, dass die Partner den Sinn ihrer Beziehung nicht formulieren können. Sie finden dazu keine Worte; das hat seinen Grund.

Wir agieren multifunktional und beherrschen das Multitasking. Wir investieren Kraft in viele Bereiche des Lebens. Wir etablieren eine Beziehung, die viele Facetten hat. Aber das Hauptbedürfnis einer Beziehung –- paradoxerweise – wird oftmals nicht angesprochen und bleibt daher unerfüllt, ja, wird nicht beachtet. Das Bedürfnis steht wie ein Riesenelefant im Zentrum des Raums, bleibt aber für jeden unsichtbar: Unser Verlangen nach Liebe und Anerkennung, unser Verlangen nach einer Bestätigung unseres Wertes und unserer Einmaligkeit.

Dieses Grundbedürfnis ist bei jedem präsent, auch wenn es vom Einzelnen oft nicht gesehen wird und beiseite geschoben wird. Viele beschäftigen sich mit Haushalt, mit der Aufgabenaufteilung der Partner, mit dem Verdienen, dem Sparen und dem Zahlen von Rechnungen. Es geht um den Urlaub, und das Erziehen der Kinder – und es mündet im Stress. Dabei rutscht das zentrale Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung aus dem Fokus; und diese Lage wird als „normal“ wahrgenommen.

Das führt erst zu einer latenten und dann zu einer immer mehr spürbaren Unzufriedenheit, zu Entfremdung und zu einer Abkühlung der Beziehung. Der wahre Grund fürs Fremdgehen ist häufig nicht die unerfüllte Sexualität, sondern der Wunsch nach einer Bestätigung des eigenen Wertes als Mann oder Frau. Manche, die in diese „Falle der Normalität“ geraten sind, sagen mir, dass sie Angst haben, ihre unbefriedigende und scheinbar hoffnungslose Beziehung zu verlassen, weil … allein sein noch schlimmer ist. Diese Aussage unterstützt die Idee, dass wir alle beziehungsbedürftig sind – und wir suchen in einer Beziehung vor allem die Liebe. Viele andere Bedürfnisse kann man heutzutage anders erfüllen: im Restaurant essen, in der Reinigung waschen etc.

Vertrauen und Nähe in der Beziehung sind die Dinge, wonach wir uns sehnen. Mit dem richtigen Partner können wir sie genießen. Wie kommt es, dass der Richtige mit der Zeit zu einem falschen wird? Es geschieht, wenn wir das Hauptbedürfnis bei Seite schieben und uns zu intensiv mit anderen Bedürfnissen beschäftigen, wenn das Funktionieren das Lieben ersetzt. Wenn wir uns selbst gegenüber nicht ehrlich genug sind und nicht verwirklichen, was wir voneinander erwarten: Bestätigung, Anerkennung, Dankbarkeit, Wertschätzung und Wärme.

Schenken Sie diesem metaphorischen Elefanten so viel Aufmerksamkeit, wie es Ihnen gut tut. Profitieren Sie von seiner Gegenwart. Sie werden sehen, Ihr Leben wird so bereichert.

Lena Kornyeyeva

Veröffentlicht auf https://www.christa-appelt.de/der-elefant-im-raum-der-viel-zu-häufig-unbeachtet-bleibt/



“Gleich statt sexy”

Single-Falle Posted on Wed, May 24, 2017 17:34:17


Man hätte erwarten können, dass die Emanzipation zu einer neuen weiblichen Identität führt, dass die Frau in der Gesellschaft nach eigenen Werten und Idealen lebt. Doch dieses schöne Ziel blieb leider eine Fiktion. Das Emanzipationsideal der Frau – scheint immer noch der Mann. Die Frauenbewegung hat dazu geführt, dass sich Frauen ausgerechnet dem männlichen Bild anzugleichen versuchen. Alles das, was eine Domäne der Männer schien, erobern nach und nach Frauen. Moderne Frauen trinken Bier aus der Flasche, schauen begeistert Fußball und können selbst ihr Auto reparieren. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass Frauen heute die besseren und härteren Männer sind.

Im Büro einer meiner Bremer Kolleginnen hing eine Postkarte, die eine (fiktive) Stellenanzeige zeigt: „Suche fünf fleißige Männer – oder eine Frau.“ Ehrlich gesagt möchte ich keine Frau sein, die es mit vier fleißigen Männern aufnimmt. Ich habe andere Qualitäten und andere Vorzüge als die Tatkraft und den Fleiß von vier Männern. Ich muss mich für meine Weiblichkeit nicht schämen, muss mich nicht hinter männlichen Werten verstecken. Und doch scheint mir das in der deutschen Gesellschaft häufig der Fall zu sein. Die Politik sorgt dafür, dass Frauen und Männer im Berufsleben und im Alltag weitgehend gleichgestellt werden – und niemand außer ewig Gestrigen wird das beklagen wollen. Der Mann ist heute nicht mehr der alleinige Ernährer und Entscheider, manchmal ist in einer Beziehung die Frau der besser verdienende Partner. Die Hierarchie zwischen Mann und Frau ist weitgehend verschwunden (oder hat sich in einigen Fällen gar gedreht).

Mit der Angleichung der Geschlechterrollen ist beim Mann jedoch eine Unsicherheit gewachsen: Welche Rolle ist heute angemessen, was ist noch „männlich“? Kann sich der Mann gegenüber der „starken“ Frau noch als Macho geben? Kann er noch die Frau durchs Leben führen? Die Gefahr liegt auf der Hand, dass derjenige, der in einer modernen Beziehung altmodischen Mustern folgt, lächerlich wirkt. Aber was ist dann die neue Rolle des Mannes, mit der er die weibliche ergänzen kann? Soll er den traditionellen Part der Frau einnehmen, das „schwache Geschlecht“ werden? Manche Männer scheinen heute diesen Weg zu wählen, allein um eine Symmetrie in ihrer Beziehung wiederherstellen zu können. In der überwiegenden Zahl der Partnerschaften jedoch befinden sich Frauen und Männer nun auf Augenhöhe. Entscheidungen werden ausdiskutiert, Kompetenzen geteilt. Weibliche und männliche Aufgabenbereiche sind nicht mehr geschieden – weder bei der Kindererziehung noch in der Küche. Theoretisch könnten Frau und Mann sich heute umso besser verstehen und gleichberechtigter und spannungsfreier zusammenleben als je zuvor. Doch paradoxer Weise ist häufig genau das Gegenteil der Fall. Trotz oder wegen ihrer Gleichstellung entfremden sich Frauen und Männer voneinander und haben sich scheinbar immer weniger zu sagen. Das große Versprechen der Emanzipation führt anscheinend nicht immer und automatisch zu harmonischerer Zweisamkeit und auch nicht zum persönlichen Glück.

Ein kurzer Auszug aus dem Buch Die Single-Falle: Frauen und Männer in Zeiten der Selbstverwirklichung, HEYNE Verlag, München 2015

Lena Kornyeyeva



Errungenschaften, die zu Verlusten führen

Single-Falle Posted on Sat, December 26, 2015 18:22:08

Nachdem mein Buch Die Single-Falle erschienen ist, bekomme ich viele Leserbriefe – überwiegend von Männern. Es sind auch Männer, die sich zum Paar-Coaching anmelden, um ihre Beziehungsprobleme zu lösen. Sie erklären dann, dass sie sich von ihren (starken) Frauen nicht geliebt fühlen, behaupten manchmal, dass sie von ihren Partnerinnen unterdrückt werden.

Manche Männer schreiben mir, dass sie Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Frau kennen zu lernen. Sie vermissen, so sagen sie, vor allem feminine – nicht auf Konkurrenz, sondern auf Liebe orientierte – Frauen. Die Frauen, mit denen sich sich als Männer fühlen können und die sie gerne glücklich machen würden.

Man könnte denken, dass die heutigen Frauen mit dem Trend der „Lonelyfikation“ und der zunehmenden Entfremdung der Geschlechter besser zurecht kommen als die Männer. Aber gerade das ist nicht der Fall: In vertraulichen Gesprächen sagen mir die Frauen, dass sie gerade den einen Mann, der sie begehrt und liebt, vermissen. Sie wollen von ihm hören, dass sie die einzige und die beste sei – was kann wichtiger sein? Gleichzeitig haben Frauen gelernt, dass sie dem Mann nicht entgegen kommen dürfen. Er muss sich Zuneigung erarbeiten, muss beweisen, dass er kein wie von den Ärzten besungenes Schwein ist, der nur Sex will oder der nur auf den Körper achtet …

Der Wunsch nach Liebe und die gesellschaftlichen Normen setzen Kräfte frei, die sich gegenseitig blockieren. Frau und Mann begehren einander, können das aber nicht mehr sagen und auch nicht mehr nonverbal zum Ausdruck bringen. Mann muss für die Liebe arbeiten und Frau darf nicht zeigen, dass sie ein attraktives Ziel ist, für dass der Mann den Himmel auf Erden versprechen mag.

Während das Zwischenmenschliche immer mehr unter der Blockade der sich widersprechenden Kräfte leidet, hat der Arbeitgeber längst gewonnen: Frauen geben sich Mühe, konkurrenz- und durchsetzungsfähig, stark und verantwortungsvoll zu sein, Männer sowieso. Feminin oder maskulin zu sein und auch das eigene Begehren zum Ausdruck zu bringen, auf das Begehren des anderen (oder gleichen) Geschlechts womöglich positiv zu antworten, kommt gar nicht mehr in Frage. Frauen und Männern gelingt es immer weniger, im Privatleben genauso erfolgreich zu sein, wie im Berufsleben …

Die Emanzipation ist eine Errungenschaft, die, wenn sie falsch verstanden wird, zu emotionalen Verlusten führt. Deshalb sollte man die Emanzipation sowohl als Mann als auch Frau für sich selbst bewusst neu definieren. Stark und emanzipiert sein bedeutet vor allem, sich nicht manipulieren zu lassen, frei und unabhängig zu bleiben – unabhängig auch von den gesellschaftlichen Erwartungen, die tatsächlich im Privatleben nichts zu suchen haben.

Lena Kornyeyeva