Dies ist eine Übersetzung des in The Script veröffentlichten Essays „#MeToo in der Transaktionsanalyse: Was wir lernen müssen“ aus dem Englischen https://platform.itaaworld.com/news/addressing-metoo-and-power-abuse-in-clinical-psychology

In meiner Arbeit erzählen mir Menschen manchmal von Erfahrungen mit Machtmissbrauch im beruflichen Umfeld. Oft beinhalten diese Erfahrungen eine sexuelle Komponente: eine unerwünschte Einladung oder eine überschrittene Grenze, gefolgt — nach einer Ablehnung — von subtilem Druck, Ausgrenzung oder Diskreditierung. Die Person, die Macht missbraucht, befindet sich in der Regel in einer hierarchisch übergeordneten Position.

Menschen, die von weit her in unsere Klinik kommen, fühlen sich sicher genug, mir — einer völlig Fremden — von Erfahrungen zu erzählen, die sie seit mehr als zehn, 20 oder sogar 30 Jahren verborgen gehalten haben. Sie sind aber nicht bereit, anderswo offen über solche Erfahrungen zu sprechen. Manche sind sie selbst Psychologen. Ich verstehe, warum sie lieber schweigen. Sich in Kontexten mit Machtungleichgewicht zu äußern, ist riskant und geht oft mit einer zweiten Verletzung einher: man wird dafür mehr als der Täter verantwortlich gemacht, hinterfragt oder stillschweigend abgewertet. 

Das weiß ich nicht nur aus Erzählungen, sondern auch aus eigener Erfahrung. Als ich mich in einer unangenehmen Situation mit einer Führungskraft befand, brachte es keine Lösung, mich zu wehren. Ich musste nicht nur die Grenzüberschreitung erleben, sondern erfuhr auch massive negative Konsequenzen, nachdem ich versucht hatte, die Situation zu klären. Ich wurde ausgegrenzt, meine Arbeit wurde Kritik ausgesetzt, die keine fachliche Grundlage hatte, und mein beruflicher Ruf drohte beschädigt zu werden. Es kam vor, dass mir in Online-Meetings das Wort abgeschnitten und die Möglichkeit verwehrt wurde, zu antworten – von Leuten, die mich offline nie getroffen hatten, aber eine stark negativ voreingenommene Meinung von mir hatten. Freunde meldeten sich bei mir, um nachzufragen, ob es mir gut gehe, nachdem sie die Feindseligkeit bemerkt hatten. Sie stellten fest, dass ich häufig unterbrochen, zum Schweigen gebracht und mit aggressiven Kommentaren von Mitgliedern der Gruppe konfrontiert wurde, was sie sowohl als ungerechtfertigt als auch einschüchternd empfanden.

Das veranlasste mich, das Problem auf eine „OK-OK“-Art und Weise zu lösen, nämlich durch eine Mediationssitzung. Meine Absicht war, auf eine nicht-verfolgende Art dem Verantwortlichen mitzuteilen, wie ich mich fühlte, und ihm die Möglichkeit zu geben, bei mir um Entschuldigung zu bitten. Eine aufrichtige Bitte um Entschuldigung hätte ich sofort akzeptiert. Leider lief es nicht so. Nach der Mediation hatte ich ein schlechteres Gefühl als zuvor, da ich feststellte, dass mein Versuch, die Situation zu klären, denjenigen dazu veranlasst hatte, eine noch härtere Haltung einzunehmen. 

Bekanntlich finden solche Annäherungsversuche ohne Zeugen statt, was es der Person, die berufliche Grenzen überschritten hat, ermöglicht, die Aussagen der Opfer zu leugnen oder dem Opfer Lügen vorzuwerfen. Es ist diese Realität, die mich dazu bewegt hat, diesen Artikel zu schreiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir faire und wirksame Mechanismen brauchen, um jedes Mitglied unserer Gemeinschaft zu schützen.

Macht und Wert

Als Psychologin und Paarcoach setze ich auf „OK-ness“ als Werkzeug für positive Veränderung: Konfliktlösung beginnt dort, wo Abwertung aufhört. Wenn wir uns anerkannt und wertgeschätzt fühlen, fühlen wir uns sicher und sind offen für Zusammenarbeit. Bei der Transaktionsanalyse-Formel „Ich bin OK – Du bist OK“ geht es darum, einander wertschätzend zu behandeln; die zugrunde liegende Botschaft lautet: „Du verdienst, mit Würde und Respekt behandelt zu werden, genauso wie ich es verdiene.“ Meiner Erfahrung nach ist die Macht der Liebe viel wirksamer als jeder Machtmissbrauch.

Aber was mit den Situationen, in denen es um hierarchische Macht geht? Was, wenn du nur ein normales Mitglied der Gemeinschaft bist und die Person, deren Verhalten als Machtmissbrauch empfunden wird, viel älter ist und als Autorität gilt, sodass alle automatisch alles glauben, was diese Person sagt? Wie können wir mit dieser Macht nicht abwertend und effektiv umgehen?

In der Zeit nach #MeToo erkennen wir den Mut an, den es für ein Opfer braucht, sich zu äußern. Als Opfer gesehen zu werden, tut weh — nicht nur wegen der Schuldzuweisung an das Opfer, die oft ein fester Bestandteil des Narratives ist, sondern auch, weil es eine extrem herabwürdigende Erfahrung ist, Opfer zu sein. Die versteckte Botschaft jeder Herabwürdigung: Du bist es nicht wert, besser behandelt zu werden.

Macht und Wert sind zwei Seiten derselben Medaille. Das ist die Währung, die in allen menschlichen Interaktionen zum Einsatz kommt: Macht steigert den Wert derer, die sie besitzen, und abgewertet zu werden hat eine entmächtigende Wirkung. Deshalb versuchen viele, jegliche Identifikation mit denen zu vermeiden, die machtlos erscheinen, und deshalb ist Macht so unwiderstehlich attraktiv und vertrauenswürdig. Entmachtung und Machtlosigkeit sind die ultimative Abwertung: Je weniger wertgeschätzt und wertvoll wir uns fühlen, desto weniger „Macht der Liebe“ können wir in uns spüren, um uns auf eine Weise zu schützen, die uns nicht abwertet. Es ist ein Teufelskreis negativer Auswirkungen.

Über das Unaussprechliche sprechen

Ich möchte Euch einladen, über das Thema Macht nachzudenken und zu reden. Wenn wir gedeihen wollen, sollten wir in der Lage sein, offener über Machtmissbrauch in unserem Umfeld zu sprechen. Das würde uns helfen, seine verborgenen und lang anhaltenden negativen Auswirkungen zu verstehen. Es würde das Bewusstsein schärfen und dazu beitragen, das subjektive Gefühl der Machtlosigkeit zu verringern, das in unseren Interaktionen nur weitere abwertenden Tendenzen schürt. Es würde uns auch helfen, einander als Gleiche zu behandeln — gleichermaßen verantwortlich für unser eigenes Handeln, gleich in unserem Wert.

Jeder von uns kann zum Opfer subtilen Machtmissbrauchs werden, unabhängig vom Geschlecht oder anderen Identitätsmerkmalen. Eine Führungsposition sollte niemanden automatisch davor schützen, für herabwürdigende Handlungen Verantwortung zu tragen. Mensch sein bedeutet, kognitive Verzerrungen zu erleben, daher sollte es in Ordnung sein, auf nicht abwertende Weise Feedback dazu zu geben und anzunehmen. Wir sollten alle auf jeder Hierarchieebene offen für Fragen sein. Unhinterfragbarkeit schafft Bedingungen, unter denen Macht missbraucht werden kann.

Das Erkennen der herabwürdigenden Haltung und ihres Schadens ermöglicht eine gute Wiedergutmachung — das ist die einzig echte „OK“-Haltung. Wenn Sie Missbrauch erleben, versuchen Sie die nicht-herabwürdigenden Worte zu finden, um darüber zu sprechen. Sie können mir schreiben oder sich gegebenenfalls an einen Ethikrat wenden. Und denen zuhören, die gehört werden wollen. Wir brauchen gewaltfreie, nicht-abwertende Mechanismen, die jedem in unserer Gemeinschaft das Gefühl geben, sicher und wertgeschätzt zu sein.

Dankbarkeit ohne Grenzen

Ich möchte betonen, dass die Zusammenarbeit mit TA-Kolleginnen und -Kollegen weltweit für mich eine durchweg positive und intellektuell bereichernde Erfahrung war. Als ich vor zwanzig Jahren als ukrainische Forscherin eingeladen wurde, meine Promotion an einer deutschen Universität fortzusetzen, wurde ich mit Offenheit und Herzlichkeit empfangen. Im Laufe der Jahre habe ich viele erfahrene TA-Kolleginnen und -Kollegen kennengelernt, die mich inspiriert und unterstützt haben. Sie brachten mir nicht nur fachliche Einblicke entgegen, sondern auch echte menschliche Wärme. Ich bin ihnen zutiefst dankbar für ihr Engagement in meiner Arbeit und das konstruktive Feedback zu meinen Ideen.

Lena Kornyeyeva