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Doktor Lenas Blog

Opfer, Retter, Verfolger. Rollen, die ihre Versprechen nicht einhalten können

Aus meiner Praxis Posted on Tue, December 11, 2018 22:56:19

Manchmal merkt man es nicht und schon ist es passiert: man fühlt sich unwohl in einer Kommunikation, wo man doch nur jemanden helfen wollte …

Das passiert, sobald man – unbewusst – die Ebene „Ich bin OK – Du bist OK“ (Erwachsener – Erwachsener) verlässt und entweder die Kommunikationsebene „Ich bin OK – Du bist nicht OK“ oder die Ebene „Ich bin nicht OK – Du bist OK“ einnimmt.

Der amerikanische Psychologe Stephen Karpman hat in seinem Dramadreieck die typische Entwicklung eines psychologischen Spiels beschrieben. Aus dem Bedürfnis nach der Selbstwertbestätigung unternehmen wir manchmal Handlungen, die zu einer Enttäuschung führen. Ein ehrliches und authentisches Verhalten ist das Gegenteil von einem psychologischen Spiel. In einer ehrlichen und authentischen Kommunikation sind uns eigene Bedürfnisse und Motive bewusst und werden daher erfüllt.

Um die Entwicklung eines psychologischen Spiels zu vermeiden, kann man rechtzeitig dessen Merkmale erkennen und bewusst spielfrei handeln. In diesem Memo werden die Merkmale anschaulich dargestellt:

Alle drei Glaubenssätze sind (Selbst)Lügen. Denn in Wirklichkeit sind das nur Rollen und kein authentisches ehrliches Verhalten. In der Tat:

  • „der Verfolger“ hat kein Recht, etwas vorzuwerfen, er ist nur von Enttäuschung getrieben, da seine Erwartung an das „Opfer“ nicht erfüllt wurde
  • „der Retter“ rettet nicht(s) wirklich (häufig ist er unbewusst an der Hilflosigkeit des Opfers interessiert, da sein Profit in der Bestätigung seiner Position „Ich bin OK – Du bist nicht ОК“ besteht)
  • „das Opfer“ ist fähig, sich selbst zu helfen / oder es braucht keine Hilfe / oder es kann angemessen um Hilfe bitten. Angemessen um Unterstützung bitten bedeutet, dafür bewusst die Verantwortung zu übernehmen und eine Art Vertrag auf OK-OK Ebene zu schließen: „Du unterstützt mich so, wie ich es mir wünsche, ich erbringe dir eine Gegenleistung, die du dir wünschst“.

Stephen Karpman und Lena Kornyeyeva, Berlin 2017

Ein druckfähiges Memo-Blatt zu Karpmans Dramadreieck (1 Seite) als PDF:



Unvergleichbar sein … lernen

Aus meiner Praxis Posted on Wed, October 04, 2017 20:47:23

Meine praktische Arbeit hat stets mit der Idee der Zufriedenheit zu tun: Wenn der Mensch zufrieden ist, wendet er sich nicht an einer Psychologin. Im Grunde geht es fast immer um die Unzufriedenheit mit sich selbst – mit der eigenen Leistung, mit dem eigenen Aussehen, mit den eigenen Erfolgen beruflich wie privat…

Im Hintergrund dieser latenten oder offenen Unzufriedenheit steht immer die Neigung, sich mit jemandem zu vergleichen. Mit einem, der leistungsfähiger, schöner, erfolgreicher erscheint. Wir leben in einer Welt, in der wir seit Kindertagen an bewertet und verglichen werden. Und wir verinnerlichen diese Neigung, uns zu vergleichen. Es ist uns nicht bewusst, wie kontraproduktiv und wie irrelevant jeder dieser Vergleiche ist: Menschen sind keine Waren, die vergleichbare Parameter haben; jeder von uns hat unzählige Facetten und jeder ist einzigartig.

Wer sich von diesem unbewussten inneren Wettbewerb lösen kann, wird zufriedener. Es geht nicht darum, dass man sich per se besser (leistungsfähiger, schöner, erfolgreicher etc) als die Anderen sehen soll. Die wahre Freiheit vom Wettbewerb entsteht da, wo man sich als unvergleichbar empfindet – da uns unsere Eigenarten unvergleichlich machen.

Nichts ist vergleichbar mit dem schönen Gefühlt der Selbstzufriedenheit, die sich auf einer ruhigen, bedingungslosen Selbstakzeptanz beruht.

Lena Kornyeyeva



Verbundenheit, Autonomie und andere Köstlichkeiten gelungener Beziehungen

Aus meiner Praxis Posted on Wed, May 24, 2017 15:44:18

“Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer.
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.”

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Ein häufiges Paradox: wir sehnen uns nach Zweisamkeit und wir wollen uns gleichzeitig in einer Beziehung nicht verlieren. Die Wichtigkeit der Autonomie wird in einem Argument deutlich, das viele Menschen gegen eine Beziehung anbringen: “Ich will meine Autonomie, meine Selbstbestimmung, meine Freiheit nicht verlieren”.

Autonomie ist die Fähigkeit, für sich adäquat zu sorgen, die Fähigkeit sich (emotional, kognitiv, finanziell) unabhängig von dem Partner zu fühlen und eigene Bedürfnisse angemessen sowie rechtzeitig erst zu verwirklichen und dann zu erfüllen. Kurz gesagt: Autonomie ist die Manifestation einer erwachsenen Haltung zu sich selbst, nichts anderes als eine gut funktionierende Integrität aller drei Ich-Zustände: Erwachsenen-Ich (Fähigkeit Realität adäquat einzuschätzen), Eltern-Ich (Fähigkeit die Führung/Kontrolle zu übernehmen) und Kindheits-Ich (Fähigkeit Freude und Spaß am Leben zu erleben), wie es in der Transaktionsanalyse konzipiert wurde.
In vielen Paarbeziehungen aber beobachten wir eine Art “Verschmelzung” der individuellen Integrität; wir sehen dann einen Verlust der Fähigkeit, sich angemessen um sich selbst zu sorgen, verbunden mit einer (unangemessenen) Erwartung an den Partner, die er möglicherweise nicht erfüllt, weil auch dessen Erwartung nicht erfüllt wird… Dieser Verlust der Integrität geschieht nach dem komplementären Prinzip der psychologischen Symbiose: zwei Persönlichkeiten “ergänzen” einander durch diesen Ausschluss eines oder zwei Ichs und bilden “eine Persönlichkeit” aus drei komplementären Ich-Zuständen. Beispiel: Ein(e) Partner(in) zeigt die Funktionalität des Kindheits-Ichs (übernimmt nicht die Verantwortung, flüchtet vor den Verpflichtungen), der zweite Partner(in) hingegen zeigt ausgeprägte Erwachsenen- und Eltern-Ichs, die die Lebensaufgaben zu Erfüllung bringen, verzichtet aber auf Bedürfnisse nach Spaß, Erholung und Freude am Leben.
Eine Symbiose ist nur eine Simulation der Nähe und Verbundenheit, ein nicht-funktionierender Ersatz: Zwei Menschen in einer Symbiose können sich noch einsamer fühlen, als ohne eine Beziehung. Opfer- und Retter-Rollen, Machtspiele, Frustration und Verbitterung, offene oder subtile Abwertungen und Beschuldigungen für eine nicht funktionierende Beziehung sind oftmals früher oder später die negativen Folgen – und werden dann insgesamt Thema meiner Paarcoaching-Stunden. Die Wiederherstellung einer gesunden Autonomie ohne Verlustängste und ohne, dass die Qualität der gewünschten Nähe leidet – das ist die Aufgabe der therapeutischen Sitzungen. Und eine Wiedererfindung der alten Idee: Eine Beziehung ist nur dann glücklich, wenn jeder seinen Partner als den am besten passenden für die Bedürfniserfüllung sieht.

Eine “maßgeschneiderte” und wohltuende Balance zwischen Verbundenheit und Autonomie kann nur dann gefunden werden, wenn von einem Paar folgende Prinzipien berücksichtigt werden:

• Es gibt keine erfüllende Verbundenheit ohne gute Fähigkeit zu Autonomie.

• Es gibt keine funktionierende Autonomie ohne Klarheit, was die Bedürfnisse betrifft.

• Es gibt keine glückliche Nähe ohne vorhandene Freiheit.

• Es gibt keine echte Freiheit ohne Ehrlichkeit – Ehrlichkeit zu sich selbst und zum Partner.

• Und es gibt keine echte Liebe ohne Liebe zu sich selbst. … Liebe zu sich selbst bedeutet auch, eigene Bedürfnisse zu akzeptieren – so wie sie sind.

Lena Kornyeyeva



Dame in Schwarz

Aus meiner Praxis Posted on Sun, December 13, 2015 16:18:01

Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat“ – so bildhaft soll Carl Gustav Jung über die Depression gesprochen haben. Schwarz liegt im Trend: unzählige Blogbeiträge zum Thema Depression finden sich im Internet, die Fehlzeiten wegen diagnostizierten Depressionen steigen, immer mehr Antidepressiva werden verschrieben.

Fast scheint es hip geworden, eine Depression oder ein Burnout-Syndrom bei sich zu entdecken. Betroffene beginnen den eigenen Zustand zu mystifizieren oder zu dämonisieren; sie behaupten, dass sie in ihrem Leiden von niemanden verstanden werden, dabei verstehen sie selbst das leider nicht. Sie ahnen nicht, welche Ursachen die Depression hat, sehen diese mehr wie ein Schicksalsschlag, der sie aus heiterem Himmel getroffen hat.

Die Dame in Schwarz will also etwas erzählen, wenn sie sich zu einem Menschen an den Tisch setzt. Sie hat eine Botschaft! Stellen wir sie uns als Lady vor – ganz klassisch im kleinen Schwarzen von Coco Chanel. Und nachdem sie uns eine Zeit lang schweigend gemustert hat, beginnt sie zu reden.

„Ich bin keine Krankheit.“
„Hmm … Was sind Sie denn?“
„Lass uns duzen, ich mag keine unnötige Distanz. Ich bin zu dir gekommen, um für dich da zu sein.“
„Lieb von dir. Aber … Wenn du also keine Krankheit bist, was bist du dann?“
„Wie soll ich es beschreiben … Ich bin eher ein Warnsignal, ein rotes Lämpchen.“
„Aha. Willst du mir signalisieren, dass ich kaputt bin?“
„Dass du nicht angemessen mit dir umgehst. Ich komme, damit du etwas änderst, damit du nicht kaputt gehst.“ Die schwarze Dame lächelt.
„Was ist denn an meinem Umgang mit mir nicht angemessen?”
„Das ist schon deine Aufgabe, meine Metaphern zu entschlüsseln. Ich bin nur berechtigt, dir mitzuteilen, dass ich nie ohne Gründe zu Menschen komme – ich komme immer dann, wenn man nicht sein Leben lebt. Die genaue Gründe meines Besuches muss du selbst feststellen. Schaffst du es, diese Aufgabe zu lösen, dann bin ich sofort weg.“
„Ok, ich kann es versuchen. Aber … vielleicht will ich gar nicht, dass du weggehst. Es ist schön, nicht alleine zu sein.“
„Das höre ich häufig. Meine Anwesenheit macht vieles leichter Mit der Depression hat man immer eine Entschuldigung. Aber das ist kein Dauerzustand, irgendwann musst du es begreifen.“
„Begreifen was?“
„Die Botschaft, die ich bringe.“
„Kann denn jeder die Botschaft verstehen?“
„Natürlich. Aber man muss bereit sein, ein eigenes Leben zu führen, eigene Entscheidungen zu treffen.“

Kennen Sie die Dame in Schwarz? Eine dauerhafte Überforderung und Vernachlässigung eigener Bedürfnissen ist schon ein ausreichender Grund für die Dame, zu erscheinen. Und manchmal begleitet sie für Monate oder Jahre das Leben eines Menschen. Die Dame in Schwarz ist kein Dämon und keine Mystifikation, die jeden so plötzlich, ohne Grunde besuchen kann. Bei den Menschen ohne Denkstörungen (Menschen mit psychotischen Zügen haben eben die Denkstörungen, aber hier ist die Rede von den normalen Menschen – ohne psychotischen Erfahrungen) ist Depression keine Krankheit, sie ist mehr ein Symptom. Menschen müssen lernen, das Symptom als Zeichen zu lesen und die Ursachen zu ändern.

Ein persönliches Problem, das in eine Depression mündet, ist immer das Produkt einer unangemessenen Einschätzung einer Situation und einer ebenso unangemessenen Einschätzung der eigenen Kapazitäten. Es ist also die Unfähigkeit, eine Situation im eigenen Sinne zu ändern. Wenn die Dame in Schwarz kommt, dann muss nach einer individuellen Lösung gesucht werden. Wie kann ich meine Situation so ändern, dass ich zufrieden bin? Jeden Mensch ist anders, Rezepte für eine einfache Gesunddung gibt es nicht. Manchmal ist die Gegenwart eines Psychologen hilfreich, mit dem der Betroffene die eigenen Probleme angehen kann – er sich wieder gut fühlt, bis die Dame in Schwarz verschwunden ist.

Lena Kornyeyeva